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Karlo Ruzicic-Kessler
Dieses starke Engagement der KPÖ auf internationaler Ebene und der
Reformkurs im Inneren standen allerdings auf keinem soliden Fundament.
Innerhalb der Partei und bei den Bruderparteien in der Sowjetunion und der
DDR regte sich immer mehr Widerstand gegen den österreichischen Kurs.
Angriffe auf die österreichischen Genossen richteten sich gegen Fischer und
Marek98. In der Vorbereitung zum XX. Parteitag der KPÖ von Januar 1969
gelang es den Reformgegnern, die Überhand zu gewinnen und sich bei der
Wahl der Delegierten durchzusetzen. Zwar konnte Ernst Muhri beim Partei-
tag noch eine Abwahl Mareks und anderer Reformer aus dem ZK verhindern
– dies, vor allem, weil es die Partei hätte spalten können. Dennoch schied
Marek aus dem Polbüro aus und legte seine Funktion als Chefredakteur von
„Weg und Ziel“ zurück99. Von diesem Zeitpunkt an formulierte Marek seine
Gedanken (ab 1970 als Chefredakteur) in der Zeitschrift „Wiener Tagebuch“,
die sich schon während der Reformjahre weitestgehend von der Partei eman-
zipiert hatte. Die Vorgänge während des Parteitages bezeichnete Marek in
einer Korrespondenz an ZK-Mitglied und wichtigen Intellektuellen des PCI,
Lucio Lombardo Radice, als eine Revanche der Stalinisten mit beachtlicher Unter-
stützung sowjetischer und SED-Genossen100. Die Situation spitzte sich 1969 intern
weiter zu. Ernst Fischer übte scharfe öffentliche Kritik an der Sowjetunion
und die Situation im gemeinsamen Lager. Daraufhin wurde er im Mai von
der Schiedskommission der KPÖ von der Partei ausgeschlossen. Der Versuch
– durch die Reformbefürworter –, diese Entscheidung im Oktober zu kip-
pen, scheiterte an einem knappen Votum in der gespaltenen Partei101. Dies
alles blieb in Italien nicht unbemerkt. Fast über Nacht sah man sich mit einer
neuen Situation konfrontiert, auch wenn die Anzeichen eines Machtkampfes
schon vorher deutlich erkannt worden waren. Die italienische Parteispitze
und vor allem die ZK-Mitglieder, die über die Jahre freundschaftliche Bezie-
hungen zu Marek, Fischer und anderen aufgebaut hatten, zeigten sich scho-
ckiert. Lucio Lombardo Radice, der regelmäßigen Austausch zu Marek und
Fischer pflegte, meinte: Und ein[en] solchen Genosse[n] wird die KPÖ ausschlies-
98 Graf, The Rise and Fall of “Austro-Eurocommunism”.
99 Mugrauer, „Prager Frühling“ 1053 ff.
100 Brief von Franz Marek an Lucio Lombardo Radice, 16.1.1969, FIG, APCI, Fondo Lucio
Lombardo Radice, Corrispondenza Mal–Mar, fasc. Marek, Franz.
101 Mugrauer, „Prager Frühling“ 1054.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918