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Karlo Ruzicic-Kessler
Jahren eine wichtige intellektuelle Bastion. Die Gedanken, die Franz Marek
und Ernst Fischer formulierten, erhielten Aufmerksamkeit südlich der Alpen.
Franz Mareks „Zur Struktur des Stalin-Mythos“107, das infolge der Vorfälle
von Sommer 1968 entstand, wurde bereits im März 1969 in italienischer Fas-
sung in „Rinascita“ abgedruckt108. Darin erklärte Marek die „Deformationen“
unter Stalin und wieso sein „Mythos“ drei Jahrzehnte der Geschichte der Ar-
beiterbewegung bestimmte. Zu diesem Zeitpunkt war Marek noch nicht aus-
geschlossen und die Kritik an seiner Schrift ließ intern nicht auf sich warten.
Er beklagte gegenüber Ernesto Ragionieri, dass in der Woche, in der Rinascita
meinen Stalin-Mythos abgedruckt hat […], hier mit DDR Mitteln ein ‚Anti-Marek‘
erschienen [ist], 40 Seiten nur über diesen Artikel. In dieser Broschüre bin ich kein
Genosse mehr, sondern nur noch Revisionist […] Andere Sorgen haben sie nicht 109.
Ragionieri und Marek verband ohnehin seit langem die gemeinsame Passion
für die Gedanken Antonio Gramscis. Als Ragionieri im März 1966 zu Besuch
in Wien war, unterhielt er sich lange mit Marek über die Situation in Öster-
reich und das Risiko der rechten Dominanz in der Politik. Darüber hinaus fiel
die Rede auf Mareks Interesse für das Werk von Antonio Gramsci. Er wollte
ein Buch über Leben und Werk auf Deutsch herausgeben. Ragionieri meinte
hierzu gegenüber der Parteileitung in Rom: Wir sollten alles tun, damit das Buch
nächstes Jahr, anlässlich des 30. Todestages Gramscis erscheint […], um seine Be-
deutung für die sozialistische Aktion in Europa zu propagieren […]. Marek hat alle
Voraussetzungen, um diese Arbeit durchzuführen.110 Vermutlich kannte Ragionie-
ri auch Mareks Artikel aus „Weg und Ziel“ vom Februar 1966, in welchem
der Österreicher bereits eine detaillierte Analyse zur Vita und vor allem zum
Werk Gramscis niedergeschrieben hatte111. Seine Bedeutung bestätigte sich
auch anlässlich der verschiedenen Veranstaltungen, die zu Ehren Gramscis
1967 abgehalten wurden. Im April fand in Cagliari ein internationaler Kon-
gress zu Gramsci-Studien statt. Unter den „bedeutenden Philosophen“, die bei
dieser Gelegenheit Italien besuchten, befanden sich auch Ernst Fischer und
107 Franz Marek, Zur Struktur des Stalin-Mythos, in: Weg und Ziel 25 Nr. 11 (1968) 548–577.
108 Franz Marek, Sulla struttura del mito di Stalin, in: Rinascita 13 (28.3.1969) 14 ff.
109 Franz Marek an Ernesto Ragionieri, 3.4.[1969], Biblioteca E. Ragionieri – Sesto Fiorent-
ino, Fondo Ernesto Ragionieri, Corrispondenza, No. 1286.
110 Informazione sul viaggio a Vienna di Ernesto Ragionieri (17–20 Marzo 1966), 22.3.1966,
FIG, APCI, Esteri, mf. 536, 1004–1016.
111 Franz Marek, Antonio Gramsci, in: Weg und Ziel 24 Nr. 2 (1966) 99–109.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918