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Franz Marek und der italienische Kommunismus
der ersten Hälfte der 1970er Jahre, weil sie nicht genug taten, um die Fehler
in Osteuropa anzuprangern. Als 1976 die Konferenz der kommunistischen
Parteien Europas in Moskau stattfand, konnte er allerdings zufrieden feststel-
len, dass die drei westlichen KPs darauf verzichteten, auf die demokratischen
Errungenschaften der osteuropäischen Länder hinzuweisen und sich im Westen
zu allen Freiheiten, die es in den osteuropäischen Ländern nicht gibt, bekann-
ten. Zudem meinte er: Es ist gewiß kein gleichseitiges Dreieck, das in Latein-
europa entstanden ist, aber doch ein gewisser Konsensus in entscheidenden
Fragen der Autonomie, der Demokratie und des Sozialismus – ein Faktum,
das politisch ungleich wichtiger ist als die Frage einer Konferenz der Kommu-
nistischen Parteien Europas131.
Bis zu seinem Lebensende hörte Marek nicht auf, darauf hinzuweisen, dass
auch die Hoffnungsträger der Erneuerung des Kommunismus nicht immer
deutlich genug auf die Fehler in Osteuropa hinwiesen. Dennoch verteidigte
er diese Parteien bei jedem Angriff aus Moskau oder seiner Verbündeten. Die
Öffnung, der Dialog und die Diskussion waren für ihn die einzigen Wege zur
Erneuerung der kommunistischen Welt132.
Als Franz Marek im Juni 1979 verstarb, war die Anteilnahme in kom-
munistischen Kreisen Italiens groß. Der lange Artikel von Franco Andreucci
in „l’Unità“ vom 1. Juli zeugt davon. Marek war
ein Protagonist ersten Ranges der Wiedergeburt des Marxismus in den fünf-
ziger und sechziger Jahren […]. Im Bewusstsein, dass das Gravitationszent-
rum der kommunistischen Bewegung Westeuropas sich außerhalb der deut-
schen Sphäre bewegte, war er auch immer Beteiligter des kommunistischen
Lebens Italiens. In seiner Zeitschrift verfolgte er mit der ihm innewohnenden
klaren Intelligenz die Entwicklungen und die Probleme des Eurokommunis-
mus. Er studierte Labriola, Gramsci, Togliatti und hat wie kein anderer […]
für deren Rezeption in der deutschen Kultursphäre gearbeitet. […] Marek
schaffte es in seiner intensiven Beziehung mit der Geschichte des Marxis-
mus, mit den Begebenheiten des Kommunismus, jenes Gleichgewicht zwi-
131 Franz Marek, Gleichseitiges Dreieck?, in: Wiener Tagebuch I (1976) 11 f.
132 Graf, Knoll, Franz Marek 98 ff.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918