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Bruno Kreisky und die italienische Linke – ein Forschungsdesiderat
Zu Nenni und dessen Haltung nach 1945, als er als Chef des Partito Socialista
Italiano (PSI) bis 1956 mit dem PCI zusammenarbeitete, schweigt sich Kreisky
in seinen Erinnerungen aus. Auch sein Nachlass liefert keine Antwort auf
diese Frage. Im Rahmen der Sozialistischen Internationale (SI) trafen sie sich
ab 1966 jedenfalls wieder7.
Saragat war für Kreisky zumindest geschätzter bilateraler Gesprächs-
partner und damals wohl der ihm parteipolitisch am nächsten stehende ita-
lienische Spitzenfunktionär. Die Südtirol-Verhandlungen der beiden Außen-
minister sind aber nicht Gegenstand dieses Beitrags8. Saragats Partei, der
Partito Socialista Democratico Italiano (PSDI), blieb gemessen an den Wahl-
ergebnissen jedoch schwach. In Kreiskys Unterlagen zu Italien findet sich
eine Aufstellung der italienischen Wahlergebnisse von 1946 bis 1972, anhand
derer die Stimmanteile von Kommunisten, Sozialisten und Sozialdemokraten
ablesbar sind. Zugleich macht sie die Komplexität des linken Parteienspek-
trums in Italien deutlich9. Michael Gehler hat festgehalten: „Wenn Kreisky
mit Italien konfrontiert war, hatte er die innen- und parteipolitische Kons-
tellation beim südlichen Nachbarn vor Augen. Er bedauerte die Trennung
der Sozialisten in eine Partei um Pietro Nenni und eine Partei um Giuseppe
Saragat, für Kreisky ‚ein abschreckendes Beispiel‘, das er für Österreich in
jedem Fall vermieden sehen wollte. Hier gab es zwar auch Abspaltungen bei
den Sozialisten zunächst um Erwin Scharf und dann um Franz Olah. Diese
nahmen aber keine vergleichbaren Dimensionen an wie in Italien“10. In der
kurzen Phase der erneuten Einheit der nichtkommunistischen Linken, der
Zusammenschluss von PSI und PSDI zum PSI-PSDI-Unificato (Partito Socia-
lista Unificato PSU) hielt nur von 1966 bis 1969, nutze der zum Chef der SPÖ
avancierte Oppositionsführer Kreisky jedenfalls seine Parteikontakte11, um
gehörte auch zu den Unterzeichnern einer Solidaritätsadresse an Kreisky zum Jahreswech-
sel 1935/36 als dieser in Haft war. Vgl. ebd., 252.
7 So zum Beispiel Anfang 1967 bei einem Treffen der SI in Rom. Siehe: Pietro Nenni, I
conti con la storia. Diari 1967–1971 (Milano 1983) 10 f.
8 Dazu: Rolf Steininger, Südtirol zwischen Diplomatie und Terror 1947–1969, Bd. III.
1962–1969 (Bozen 1999).
9 Wahlen u. Volksabstimmung in Italien, Wien, Kreisky Archiv, VII.1 Länderboxen, Italien
10 Gehler, Kreisky 175.
11 Zu den im Lichte italienischer Quellen unverfänglichen Kontakten Kreiskys siehe
Federico Scarano, La diplomazia italiano e il difficile rapporto con Bruno Kreisky sul pro-
blema sudtirolese, in: Bruno Kreisky und die Südtirolfrage. Akten des Internationalen Kol-
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918