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Maximilian Graf
für eine kontinuierliche Beobachtung aus, wobei im Falle des PCI durchaus
von einer gewissen Sympathie gesprochen werden kann. Der beste Kenner
dieser Materie Nikolas Dörr hat festgehalten: Im Gegensatz hierzu musste man
bei dem österreichischen Bundeskanzler und SPÖ-Vorsitzenden Kreisky eine Beob-
achtung mit deutlicher Skepsis – auch gegenüber den italienischen Kommunisten –
verzeichnen. Dennoch wurde ihm in der „Hochphase des Eurokommunismus“
ab Mitte der 1970er-Jahre eine personal fascination für diesen nachgesagt26.
Kreisky setzte sich mit der Materie trotz seiner grundsätzlichen Einstellung
jedenfalls kontinuierlich weiter auseinander. Dies belegt die Mappe Berlingu-
er in seinem Nachlass, wo sich nicht die übliche Sammlung von Korrespon-
denz findet, aber dafür einige Artikel und Berichte, die er zur Vorbereitung
seiner Rede am SPÖ-Parteitag im März 1976 benötigte27. Angesichts der im
Westen von konservativer Seite offen artikulierten Sorge über den „Eurokom-
munismus“ führte Kreisky zunächst aus: Die Versuchung ist für manche groß,
die „Rote Katze“ wieder aufleben zu lassen und abermals uns Sozialdemokraten zu
verdächtigen, Wegbereiter des Kommunismus zu sein. Dem hielt er die Rolle der
europäischen Sozialdemokratie im Demokratisierungsprozess in Griechen-
land und vor allem in Portugal entgegen. Im weiteren Verlauf der Ansprache
kommentierte er die Entwicklung im kommunistischen Lager ausführlich und
hegte weiterhin Zweifel ob der Ehrlichkeit dieser Wandlung. Für ihn blieb offen,
ob es sich um einen gigantische[n] Täuschungsversuch oder einen sehr bemerkens-
werte[n] Prozeß im Sinne des Polyzentrismus handelte. Er stellte nun aber die
rhetorische Frage: Warum sollte sich in der Freiheit des demokratischen Staates
nicht das vollziehen, was sich in Jugoslawien im Untergrund entwickelt hat? Die Be-
weislast sah Kreisky jedenfalls auf Seiten der kommunistischen Parteien und
im Bereich der konkreten Politik:
26 Dörr, Rote Gefahr 237–250, insbesondere 237–242; Michele Di Donato, I comunisti ita-
liani e la sinistra europea. Il PCI e i rapporti con le socialdemocrazie (1964–1984) (Rom 2015),
127. Siehe auch: Giovanni Bernardini, The SPD and the Rising Star of Bettino Craxi, in: Ita-
lien, Österreich und die Bundesrepu blik Deutschland in Europa. Ein Dreiecksverhältnis in
seinen wechselseitigen Beziehungen und Wahrnehmungen von 1945/49 bis zur Gegenwart,
hrsg. von Michael Gehler, Maddalena Guiotto (Wien–Köln–Weimar 2012) 209–223, hier: 214
u. zum PCI 216.
27 Dienstzettel an das Kabinett des Herrn Bundeskanzlers z. Hd. Herrn Johannes Kunz,
gezeichnet Woschnagg, Wien, 22. Jänner 1976, Zl. 89.53.01/2-I/3/76, Kreisky Archiv, Promi-
nentenkorrespondenz, Box 7.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918