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Bruno Kreisky und die italienische Linke – ein Forschungsdesiderat
Frage, inwieweit man Italien aus seinen ungeheuren Schwierigkeiten heraus-
führen kann, ohne die politische Vertretung der Arbeiterklasse in der Regie-
rung mitverantwortlich zu machen. […] Ich kann mir sehr schwer vorstellen,
wie die Opfer, die zur Rettung Italiens nötig sein werden, ohne die Mitarbeit
der Mehrheit der Arbeiter zu bringen sind. Also stellt sich dieses Problem zu-
erst. Parallel dazu aber erhebt sich die Frage, wieviel demokratisches Vertrau-
en man Kommunisten nach all den vielen Wandlungen in ihrer 60jährigen
Geschichte schenken kann.
Kreisky konkretisierte sein fortbestehendes Misstrauen: Ich räume den italie-
nischen Kommunisten, ich sage ausdrücklich, den italienischen Kommunisten den
Faveur ein, daß sie nun eine Zeit vor sich haben, in der sich ihre demokratische Ver-
läßlichkeit bewähren kann und muß. Jedoch mussten sie seiner Meinung nach
ihre Bewährungsprobe erst ablegen. Dem setzte er nun aber hinzu:
Ich würde mich übrigens keineswegs freuen, wenn die Bewährungsprobe für
die italienischen Kommunisten, die ich erwarte, schlecht ausginge. Ich wäre
vielmehr froh, wenn sie gut ausginge. Dabei plädiere ich aber nicht etwa für
eine Regierungsbeteiligung der KPI, sondern ich sage: Erst muß sie ihre Be-
währungsprobe ablegen.
Die Abkehr von der Diktatur des Proletariats war ihm nicht genug: Nein, das
reicht deshalb nicht, weil man am Abend danach in Ost-Berlin beim Kaffee sitzen und
sagen kann: „Aber Freunde versteht ihr denn nicht, daß das unser Weg zur Macht-
ergreifung ist?“ Nach dem Beweis für ihre Glaubwürdigkeit gefragt, vertrat
Kreisky mit Blick auf den PCI die Ansicht:
Wenn eine Regierung unter Beteiligung der Kommunisten zustande käme,
müßten die Kommunisten bereit sein, auf die Ministerien zu verzichten, die
besondere Macht verleihen: Verteidigung, Inneres, Justiz, damit sie ihre Geg-
ner nicht, wie sie es früher getan haben, unter fadenscheinigen Gründen ins
Gefängnis bringen können.31
31 „Ich traue den Kommunisten nicht“. Österreichs Bundeskanzler Bruno Kreisky über
Sozialdemokraten, Eurokommunismus und Entspannung (Spiegel Gespräch), in: Der Spie-
gel (11/1977).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918