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Bruno Kreisky und die italienische Linke – ein Forschungsdesiderat
Moro ermordet worden. Das Auto mit seinem Leichnam im Kofferraum wur-
de in exakt gleicher Distanz zu den Parteizentralen von DC und PCI abge-
stellt. Kreisky, der von der Ermordung Moros zutiefst betroffen war35, bewahrte
einen seiner Briefe aus dem Volksgefängnis sowie Botschaften der Brigate rosse
in Übersetzung bei seinen Unterlagen zu Italien auf36. Nicht nur angesichts
des Terrorismus stand das Land vor schwerwiegenderen Probleme als der
Frage einer kommunistischen Regierungsbeteiligung.
Trotz im Prinzip gleichbleibender Grundhaltung, hatten sich gewis-
se Zweifel oder zumindest Nuancierungen in Kreiskys Haltung zum PCI
eingeschlichen. Er anerkannte die Hegemonie der Kommunisten im linken
Spektrum Italiens. Eine Bewältigung der Probleme des Landes hielt er ohne
Mitwirkung der Kommunisten nicht für lösbar, auch wenn er deren Einbin-
dung in die Regierung keineswegs befürwortete. In der zweiten Hälfte der
1970er-Jahre schien es aber trotz des Allzeithochs des PCI Hoffnung für den
PSI zu geben. Diese Hoffnung war mit einem Mann verbunden: Bettino Craxi.
4. Kreisky und Craxi – eine neue Hoffnung?
Der zwischen PCI und DC aufgeriebene und somit ein europäisches Parado-
xon darstellende PSI hatte im Rahmen der SI durch Parteichef Francesco De
Martino Anfang 1976 betont: Die PSI strebe auf lange Sicht nun eine „linke Alter-
native“ in Rom an.37 Denkbar wäre dies freilich nur gewesen, wenn der PSI
gegenüber dem PCI an Stärke gewonnen hätte. Kreisky hatte die Übertrag-
barkeit des französischen Modells der union de la gauche auf Italien bezweifelt
und selbst die SPD war mit der Haltung des PSI zum Frontismus Mitterrands
nicht glücklich. Bei den Parlamentswahlen am 20. Juni 1976 erreichte der PCI
mit einem Zugewinn von mehr als 7 Prozent einen historischen Anteil von
34,37 Prozent der Stimmen, während der PSI bei 9,64 Prozent stagnierte. Auf
der nächsten Sitzung des Zentralkomitees des PSI am 15./16. Juli im Hotel
Midas in Rom gelang es Craxi, die Parteiführung zu übernehmen. Mit seiner
Wahl zum Generalsekretär begann sich die Partei verstärkt nach dem Vorbild
35 Beileidstelegramm Kreiskys an Frau Moro, in: Arbeiter-Zeitung (9. Mai 1978) 1.
36 Siehe: Kreisky Archiv, VII.1 Länderboxen, Italien, Mappe „Rote Brigaden“.
37 Italien. Zwei Elefanten, in: Der Spiegel (5/1976) 80.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918