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Maximilian Graf
schluss ein48. Im bilateralen Rahmen besaßen Bozen und Innsbruck angeblich
ein De-facto-Vetorecht in allen Belangen der österreichisch-italienischen Beziehun-
gen49 und auch in Rahmen der Parteibeziehungen verließ sich Kreisky auf den
Rat der Tiroler SPÖ. Er leitete das Schreiben Craxis an den dortigen Partei-
vorsitzenden Herbert Salcher weiter und ersuchte um Rücksprache. Dieser
berichtete, dass der PSI im letzten Jahr seine Bemühungen um Südtiroler Mitglieder
wesentlich verstärkt und zu diesem Zweck einen deutschsprachigen hauptamtlichen
Parteisekretär eingestellt habe. Infolge der verstärkten Aktivität des PSI war es
auch zu intensiveren Kontakten mit SPD und SPÖ gekommen bei denen man
übereinkam sich in Hinkunft zur Beratung gemeinsamer, insbesondere die Alpenre-
gion betreffender Fragen, öfter als bisher zu treffen. Der PSI hatte die Kontakte zur
SPD dann aber medial hochgespielt weshalb Salcher die Ansicht vertrat, die-
ser wolle sich bei den nächsten Landtagswahlen in Südtirol auch für die Südtiroler
Arbeiterschaft als sozialistische Alternative profilieren. Unvermeidlich hatte dies
zu Spannungen mit SPS und SFP geführt. Insbesondere die SPS befürchtete
durch allzu große Publizität solcher Kontakte mit einer italienischen Partei Nachteile,
zum einen da der Eindruck entstehen könnte, eine eigenständige deutschspra-
chige sozialistische Partei in Südtirol sei überflüssig; zum anderen weil dadurch das
Argument der SVP, sie sei die einzig legitime Vertretung der Südtiroler und habe
auch für demokratische Sozialisten in ihren Reihen Platz, einen Stimmenverlust nach
rechts zur Folge haben könnte50.
Vor diesem Hintergrund bejahte Salcher zwar die Notwendigkeit von
Kontakten mit dem PSI wollte diese aber im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft
sozialdemokratischer Parteien in der Alpenregion realisiert sehen, der auch
PSI und PSDI angehörten. Seiner Ansicht nach waren einer Besprechung mit
dem PSI daher sowohl der PSDI, als auch die Südtiroler Parteien SPS und SFP
beizuziehen. Im Fall einer Teilnahme der SPD war ein SI-Rahmen für das
48 Dazu ausführlich: Günther Pallaver, Soziale Konflikte als parteipolitische Innova-
tion. Bruno Kreisky und die Südtiroler Sozialdemokratie, in: Bruno Kreisky und die Süd-
tirolfrage. Akten des Internationalen Kolloquiums aus Anlass seines 25-jährigen Todesta-
ges. Bozen, 12. Juni 2015, hrsg. von Gustav Pfeifer, Maria Steiner (Bozen 2016) 95–122, hier:
106–121.
49 Gehler, Kreisky 192.
50 Salcher an Kreisky, 19. Jänner 1978, Kreisky Archiv, Prominentenkorrespondenz, Box 13.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918