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Bruno Kreisky und die italienische Linke – ein Forschungsdesiderat
Erwägungen limitierte Ergebnisse, deren Dauerhaftigkeit von den Vorteilen
abhängen wird, welche die eine wie die andere Seite aus den Absprachen zu
ziehen vermag.57
Kreiskys Skepsis gegenüber dem PCI bestand fort, nun dachte er aber erst-
mals offen über eventuelle Rückwirkungen auf den PSI nach. Vor dem Hin-
tergrund der Nachrüstungsdebatte58 vertrat er in einem Interview mit der
Zeitschrift „L’Europeo“ Anfang 1980 die Ansicht, dass die Haltung des PCI in
dieser Debatte auch das Schicksal von Berlinguers Eurokommunismus entscheiden
werde. Kreisky zeigte sich davon überzeugt, daß es unter den Kommunisten solche
gibt, die ehrlich vom Wert der eurokommunistischen Linie überzeugt sind, während
andere nur schweren Herzens und widerwillig mitgetan hätten. Seine Prognose
lautete: Wenn die Kommunisten, wie ich es glaube, zur alten intransigenten Politik
zurückkehren und sich wieder an Moskau annähern werden, dann wird das zu einer
Spaltung der beiden Seelen der KPI führen und eine Spaltung dieser Art wird für die
Sozialisten von Vorteil sein. Es ist ein langsamer Prozeß. In diesem Interview hatte
Kreisky eine Begegnung mit dem italienischen Ministerpräsidenten Cossiga
angeregt, was dieser positiv aufnahm. Aufgrund der sich abzeichnende[n] Kri-
se des Minderheitenkabinetts Cossiga, dem der PSI die Unterstützung entzog, hat-
te Kreisky dann jedoch die Weisung erteilt, die von ihm angeregte Begegnung nicht
initiativ weiter zu verfolgen. Das im April 1980 gebildete Kabinett Cossiga II
aus DC, PSI und Republikanern konnte sich aus Sicht des österreichischen
Außenministeriums jedoch auf eine klare Mehrheit im Parlament stützen, weshalb
man eine für italienische Verhältnisse größere Dauerhaftigkeit erwartete. Darum
schlug der Ballhausplatz dem Bundeskanzler vor, im Wege der Botschaft Rom
der italienischen Seite das österreichische Interesse an einer Realisierung der angereg-
ten Begegnung zum Ausdruck zu bringen. Eine Entscheidung Kreiskys ist am Akt
nicht dokumentiert59; Cossiga hielt nur bis Oktober durch.
57 Maximilian Pammer an BM Pahr, Rom, 24. September 1979, Zl. 11-Pol/79, Kreisky Ar-
chiv, Prominentenkorrespondenz, Box 13.
58 Zweiter Kalter Krieg und Friedensbewegung. Der NATO-Doppelbeschluss in
deutsch-deutscher und internationaler Perspektive, hrsg. von Philipp Gassert, Tim Geiger,
Hermann Wentker (München 2011).
59 Frage einer Begegnung des Herrn Bundeskanzlers mit Ministerpräsident Cossiga. In-
formation für den Herrn Bundesminister, gezeichnet Staffelmayr, Wien, 23. April 1980 (lag
Kreisky vor), Kreisky Archiv, VII.1 Länderboxen, Italien.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918