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Maximilian Graf
Die italienische Sozialistische Partei hat in den vergangenen Jahren unter gro-
ßen Schwierigkeiten für ihre politischen Ziele innerhalb von Koalitionsregie-
rungen gewirkt und dabei wesentliches erreichen können. Die österreichischen
Sozialisten verfolgen die Aktivität der italienischen Sozialisten im Nachbar-
land mit großem Interesse und wünschen ihnen in den kommenden Wahlen
einen eindrucksvollen Erfolg.67
Gemessen an italienischen Verhältnissen gelang dieser bei den Parlaments-
wahlen am 27. Juni auch. Der PSI gewann 1,63 Prozent hinzu, während die
DC mehr als fünf Prozent verlor. Nun gelang es Craxi, das Amt des Minister-
präsidenten für sich zu beanspruchen. Er wurde am 22. Juli 1983 mit der Re-
gierungsbildung beauftragt. Als Ministerpräsident durchbrach er auch den
Knoten in der bilateralen Besuchsdiplomatie. Im April 1984 kam er als erster
italienischer Regierungschef seit 1881 auf Staatsbesuch nach Österreich und
wurde auch von Altkanzler Kreisky herzlich begrüßt. Die Tatsache, dass mit
Fred Sinowatz und ihm zwei Sozialisten an der Spitze der Regierungen Ös-
terreichs und Italien stünden, bezeichnete Craxi als einen Randumstand, der
die gegenseitige Verständigung natürlich erleichtert. Der den Ministerpräsidenten
begleitende Außenminister Andreotti war vom Begräbnis Juri Andropows
aus Moskau angereist. Im selben Flieger saßen auch Staatspräsident Pertini
und PCI-Chef Berlinguer, die in Wien Zwischenstation machten. Die „Arbei-
ter-Zeitung“ sprach von einem merkwürdige[n] Zufall […] nachdem es 103 Jahre
hindurch keinen Besuch gegeben hatte und freute sich, dass dieser Zustand durch
die Sozialisten überwunden wurde68.
1985 wurde schließlich auch ein anderes Anliegen Kreiskys einer Lö-
sung zugeführt. Wie am Beispiel Berlinguer aufgezeigt, hatte er sich stets
für eine Freilassung des Kriegsverbrechers Walter Reder aus humanitären
Gründen eingesetzt. Kreisky hatte Craxi in seine Bemühungen um Reder seit
Ende der 1970er-Jahre in mehreren Schreiben eingebunden und den man-
gelnden politischen Willen der italienischen Regierungen zur Lösung des
Problems beklagt. Er verwies auch darauf, dass eine Lösung des Falls Reder
einen Erfolg der SPÖ darstellen würde. Als Craxi Ministerpräsident wurde,
67 Fernschreiben Kreisky an Craxi, Wien, 21. Juni 1983, Kreisky Archiv, VII.1 Länderbo-
xen, Italien.
68 Gestern „Italiengipfel“ in Wien, in: Arbeiter-Zeitung (16. Februar 1984) 1 u. 3.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918