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Bruno Kreisky und die italienische Linke – ein Forschungsdesiderat
ten Organisation teilnahm73. In seiner Antwort dankte Craxi für Kreiskys So-
lidaritätsbekundungen in der „Sigonella-Affäre“ und ließ ihn wissen, dass seine
Teilnahme am Kongress der CGIL eine gute Sache wäre und Gelegenheit zu
einem Treffen bieten würde74.
Kreisky kombinierte die Reise nach Rom mit einem Aufenthalt am Eu-
ropäischen Hochschulinstitut in Florenz, wo er Vorträge zum „Nahen Osten“
und zum „Ost-West“-Verhältnis hielt. Am Tag der Eröffnung des CGIL-Kon-
gresses traf er am späten Nachmittag im Palazzo Chigi mit Ministerpräsident
Craxi zusammen. Seine Rede am Kongress eröffnete er mit einer improvi-
sierten Würdigung des am 28. Februar 1986 ermordeten Olof Palme, dessen
Tod ihm sehr zu Herzen gegangen75 war. Seine Ausführungen drehten sich um
die Entspannungspolitik und seine langjährige Idee eines Marshall-Plans für
die sogenannte „Dritte Welt“ sowie den sich seiner Meinung nach daraus er-
gebenden Chancen für den Arbeitsmarkt in Europa76. Die italienische Pres-
se berichtete ausführlich über Kreiskys Rede. In einem Interview mit dem
„Corriere della Sera“ sprach er über die Lage der Sozialdemokratie in Euro-
pa und prophezeite ein baldiges Ende des Neokonservatismus. Zur Frage einer
Regierungsbeteiligung der italienischen Kommunisten wollte sich Kreisky
unter dem Eindruck eines Einvernehmen[s] zwischen Gewerkschaft und Staat am
CGIL-Kongress diesmal nicht äußern. „Der Corriere della Sera“ schrieb,
der Herr Altbundeskanzler glaube weder an den „dritten Weg“ noch an den
„Eurokommunismus“. Wenn die Kommunisten Regierungspartei werden wol-
len, müßten sie den Sozialdemokraten immer ähnlicher werden. Dies sei durch-
aus möglich, da ja alle politischen Parteien Europas immer ähnlicher würden
… . Auf die Frage ob die KPI an der Sozialistischen Internationale wenigstens
als Beobachter teilnehmen könnte, meinte der Altbundeskanzler freilich, das
könnte er sich zur Zeit noch nicht vorstellen77.
73 Kreisky an Craxi, 14. November 1985, Kreisky Archiv, Prominentenkorrespondenz, Box 13.
74 Craxi an Kreisky, 30. November 1985, Kreisky Archiv, Prominentenkorrespondenz, Box 13.
75 Petritsch, Kreisky 394.
76 Unterlagen zur Reise und die Redetexte in: Kreisky Archiv, VII.12. Reisen nach 1983,
Box 6: Italien.
77 Botschafter Frölichsthal an BMAA, Rom, 3. März 1986, Zl. 964-A/86, Kreisky Archiv,
VII.12. Reisen nach 1983, Box 6: Italien.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918