Seite - 238 - in Die schwierige Versöhnung - Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Bild der Seite - 238 -
Text der Seite - 238 -
238
Gianvito Galasso
2. Die Neutralität Österreichs –
vom Hindernis zur Chance
In der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre wurde in Wien und Europa die Diskus-
sion über eine österreichische EWG-Beteiligung wieder zum zentralen politi-
schen Thema. Der zur gleichen Zeit begonnene Prozess zur Vollendung des
Europäischen Binnenmarkts hatte die politischen und sozialen Kräfte Öster-
reichs dazu angeregt, über mögliche Vorteile einer Eingliederung in die Eu-
ropäische Gemeinschaften nachzudenken. Einer österreichischen Mitglied-
schaft im gemeinschaftlichen Europa standen neben der Industriellenvereini-
gung auch die großen politischen Kräfte des Lands positiv gegenüber: die
Österreichische Volkspartei (ÖVP), die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ)
– bis sie sich 1993 unter Jörg Haider dem Nationalismus zuwendete – und,
wenn auch eher zurückhaltend, die Sozialdemokratische Partei Österreichs
(SPÖ), deren anfänglicher Widerstand schnell überwunden war6. Hingegen
lehnten die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ) und vor allem Die Grü-
nen einen Beitritt ab. In ihrer Rolle als Verteidiger einer auf der international
gültigen Neutralität basierenden österreichischen Identität beziehungsweise
als Sprecher für Umweltbelange sahen die beiden Parteien Gefährdungen
durch eine wirtschaftliche Integration des mitteleuropäischen Landes in den
Kreis der zwölf Mitgliedstaaten. Die PCI ließ in den Zeitungen „Rinascita“
und“ „l’Unità“ eine erste Analyse des Antrags der österreichischen Regie-
rung auf Aufnahme in die EWG veröffentlichen. In der Kulturzeitschrift der
italienischen kommunistischen Partei betonte Paolo Brera die Bedenken des
Kommissionspräsidenten der Europäischen Gemeinschaften, Jacques Delors,
der mehr an der Vollendung des Binnenmarkts bis zum 31. Dezember 1992 in-
teressiert war als an neuen Erweiterungen. Gleichzeitig hob Brera die Schwie-
rigkeiten einer Vereinigung der österreichischen Neutralität mit dem Ge-
meinschaftsrecht hervor, die sich trotz der Zusicherungen und angeführten
Begründungen der Regierung in Wien ergeben würden:
Die UdSSR würde einen Beitritt zur Gemeinschaft, zu der auch Deutschland
bereits gehört, nicht willkommen heißen. Österreich ist sich dessen bewusst,
6 Ebd. 418–422.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918