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Italien und der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union (1989–1994)
aber findet sich damit nicht ab. Das Motiv ist einfach: Aus österreichischer
Sicht gibt es viele gute Gründe an die Türen Europas zu klopfen. Am bedeu-
tungsvollsten ist wohl die bereits vorherrschende Integration in die Gemein-
schaft, aus der sich 68 Prozent der Importe des Lands und 63,4 Prozent der
Exporte ergeben. Wirtschaftlich gibt es somit so gut wie keine Unterschiede
zwischen Österreich und dem deutschen Bundesland Bayern.
Angesichts der Entspannung in Europa und der in den östlichen Ländern
eingeleiteten Reformen schien es unwahrscheinlich, dass die Sowjetunion ei-
nem österreichischen Beitritt eine so entschiedene Ablehnung entgegenbrin-
gen würde, wie es früher der Fall gewesen war. Dennoch galt es, im Rahmen
der Prüfung des Beitrittsantrags, der rechtlichen Frage nach der Vereinbar-
keit von Österreichs internationalem Status und einer Mitgliedschaft bei den
Europäischen Gemeinschaften nachzugehen7. Der gleichen Auffassung wie
Paolo Brera war Paolo Soldini, Korrespondent der kommunistischen italie-
nischen Tageszeitung „l’Unità“ in Wien. Aus wirtschaftlicher und sozialer
Sicht brachte eine Aufnahme Österreichs in die Gemeinschaft sicherlich nicht
die gleichen Probleme mit sich, die bei Spanien und Portugal zu bewältigen
gewesen waren. Ebenso wenig taten sich solche Schwierigkeiten auf, wie bei
der Türkei, die auch einen Beitrittsantrag gestellt hatte. Auch historisch und
kulturell gesehen stellte der Antrag Wiens keine Herausforderung dar – im
Gegenteil, eine Aufnahme hätte einen ersten Schritt in Richtung Überwin-
dung der traditionellen westeuropäischen Ausrichtung der gemeinschaftli-
chen Integrationsprozesse dargestellt, welche die PCI seit jeher anprangerte.
Die international verankerte Neutralität war das einzige Hindernis, das es
zu überwinden galt. Dies bezog sich weniger auf die rechtlichen Aspekte –
die österreichische Regierung und eine ganze Reihe angesehener Juristen
glaubten an eine Lösung –, sondern vielmehr auf die politischen Aspekte. Ein
etwaiger EWG-Beitritt eines Landes wie Österreich, dessen neutraler Status
nicht nur durch die Verfassung, sondern auch im Rahmen des internationa-
len Rechts garantiert und festgelegt war, hätte unweigerlich Auswirkungen
auf die Entwicklungen des europäischen Integrationsprozesses gehabt:
7 Paolo Brera, E l’Austria bussa alla porta, in: Rinascita 25 (1. Juli 1989) 27. (Übers. d.
Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918