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Italien und der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union (1989–1994)
schen Kirche unterstützt. Die Volksabstimmung verzeichnete eine Wahlbe-
teiligung von 82,3 Prozent und ging mit 66,6 Prozent der Stimmen zugunsten
der Befürworter aus, sodass die Regierung in Wien am 24. Juni beim Europäi-
schen Rat von Korfu den Beitrittsvertrag unterzeichnen konnte21.
Trotz des positiven Ergebnisses des Referendums wies in Italien der
PDS-Abgeordnete Piero Fassino darauf hin, dass sich bei den darauffolgenden
österreichischen Parlamentswahlen am 9. Oktober die euroskeptische Partei
unter Haider als drittstärkste politische Kraft des Lands profiliert hatte – eine
Tatsache, die seiner Meinung nach die kurz zuvor erfolgte Legitimierung
des österreichischen EU-Beitritts durch das Volk infrage zu stellen schien.
In der von dem italienischen Parlamentarier am 12. Oktober 1994 vorgeleg-
ten Interpellation war von einer aufkeimenden antieuropäischen Haltung die
Rede, die durch die seit den frühen 1990er-Jahren in weiten Teilen Europas
entstehende soziale Krise bestärkt werde. Letztere manifestiere sich in Form
von steigender Arbeitslosigkeit und zunehmendem Migrationsdruck, einer
Finanzkrise und fortschreitenden Unterschieden in der Einkommensvertei-
lung. All dies waren laut Fassino Faktoren, aufgrund derer der europäische
Integrationsprozess alles andere als vollendet war und die im Hinblick auf
die für 1996 geplante Regierungskonferenz zur Revision der Verträge neue
Antworten von den europäischen Regierungen verlangten22. Entschieden
kritischer wurde der Vertrag von Maastricht von Mario Brunetti betrachtet.
Das Mitglied der aus einer Spaltung der PCI entstandenen Partito della Ri-
fondazione comunista (PRC) – Partei der kommunistischen Wiedergründung
– forderte eine grundlegende Überarbeitung des Vertrags und des institutio-
nellen Aufbaus der Europäischen Union. Die höhere Dringlichkeit dessen sah
er in der Erweiterung der Gemeinschaft begründet23. In den darauffolgenden
Wochen wurde die Debatte der politischen Kräfte im italienischen Parlament
über die Zukunft Europas im Senat fortgeführt, wo am 3. November 1994 der
Gesetzesentwurf zur Ratifizierung des österreichischen, finnischen, schwe-
21 Nicole Pietri, L’Austria e l’integrazione europea 424 f. Siehe auch Sergio Sergi, Nave
Europa a sedici stelle. Ma dietro le quinte è battaglia per il timoniere, in: l’Unità (25. Juni
1994) 13.
22 Atti Parlamentari, Camera dei deputati, XII. Legislaturperiode, Debatten, Nachmit-
tagssitzung vom 12. Oktober 1994, 3665 3668. Zitat auf S. 3665.
23 Atti Parlamentari, Camera dei deputati, XII. Legislaturperiode, Debatten, Nachmit-
tagssitzung vom 12. Oktober 1994, 3674.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918