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Andrea Di Michele
hatte Italien gegen Österreich gekämpft, um die nationale Einigung vollzie-
hen zu können10. Nach drei Unabhängigkeitskriegen wurde zum Schluss das
Ziel erreicht, die noch fehlenden unerlösten Gebiete (terre irredente), also das
Trentino und Friaul-Julisch Venetien, Italien anzuschließen. Somit wurde Ita-
lien – zumindest dem Anschein nach – zu einer bedeutenderen und stärkeren
Nation.
Die veränderten Machtverhältnisse zwischen den beiden Ländern
schlugen sich in den neuen Mächtehierarchien nieder, die sich in einem völlig
umgestalteten Europa herausbildeten, wobei das Verliererland Österreich der
Siegermacht Italien weit untergeordnet war. Beide Länder schienen grund-
legende Veränderungen durchgemacht zu haben. Sie tauschten die Rollen in
Europa: Von einem mehrsprachigen Reich wurde Österreich zu einem (fast)
mononationalen deutschsprachigen Staat, während Italien sich durch das
Einverleiben zahlreicher anderssprachiger Volksgruppen zu einem Vielvöl-
kerstaat wandelte, der in mancher Hinsicht als Nachfolgestaat der Doppel-
monarchie betrachtet werden könnte11. Eine Neuigkeit stellte zudem auch
die militärische Präsenz Italiens in Österreich dar. Es wurden nicht nur jene
Gebiete besetzt, die Italien durch den Waffenstillstand provisorisch und bei
den Friedensverhandlungen endgültig zugeteilt wurden (darunter auch das
deutschsprachige Südtirol), sondern auch Gebiete nördlich des Brenners, und
zwar Innsbruck und andere Teile Tirols. In Wien wurde außerdem eine eige-
ne italienische Waffenstillstandskommission eingerichtet.
Die italienischen Militärbehörden kamen nicht umhin, ihrer Freude
darüber Ausdruck zu verleihen, dass die Machtverhältnisse zwischen den
alten Feinden gekippt waren: In Innsbruck, dort, wo unsere Landsleute durch die
hasserfüllten Österreicher misshandelt und beleidigt wurden, werden unsere heute
dort stationierten Truppen den einst arroganten Österreichern eine harte und doch
wohlverdiente Lektion erteilen12. Diese Worte waren eine klare Anspielung auf
die Vorfälle von 1904, als pangermanistische Studenten gegen die neu ge-
10 Federico Curato, La conferenza della pace 1919–1920, Bd. II (Milano 1942) 496.
11 Silvio Furlani, Adam Wandruszka, Austria e Italia. Storia a due voci (Bologna 1974)
193–194; Dennison I. Rusinov, L’Italia e l’eredità austriaca 1919–1946 (Venezia 2010).
12 Vertrauliches Schreiben des Kommandos der 6. Infanterie-Division an die untergeord-
neten Kommandos vom 18. November 1918, in: Ufficio storico dello Stato maggiore dell’eser-
cito, Roma (USSME), B1, Comando Brigata Chieti, allegati al Diario dal 1° agosto 1918 al 30
novembre 1918. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918