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Von der Annexion bis zur faschistischen Ära
gründete italienische Rechtsfakultät randalierten. So wurde der Versuch, eine
italienischsprachige Universität in Österreich zu gründen, im Keim erstickt13.
Ähnliche Worte sprach in Wien General Roberto Segre, der die italienische
Militärmission leitete. Er beklagte die in der österreichischen Bevölkerung
tief verankerten antiitalienischen Gefühle. Demnach wurden Italiener als
„Erbfeinde” angesehen, die nach einer dreißigjährigen Allianz, welche sie ohnehin
ausgenützt hatten, gegen die getroffenen Vereinbarungen verstoßen hatten, um sich
mit den Feinden zu verbünden. Italiener waren für die Österreicher also Ver-
räter, die ihren Sieg nicht durch ihre Leistungen erreicht hätten, sondern nur
deshalb, weil das Habsburgerreich sich aufgelöst hatte. Bedenklich war aller-
dings die Meinung, das italienische Volk bestehe aus einem Haufen […] übler,
armseliger Handwerker und elender Händler, die sich gerne unanständig benehmen,
teilweise billige Sänger [sind]…: immer geizig, oft knausrig14. Italien musste sich
daher als Siegermacht neu erfinden. Um dieses Ziel zu erreichen, legte Segre
besonderen Wert auf das Ansehen der Mission. Die Offiziere sollten in den
drei besten Wiener Hotels untergebracht werden. In der Öffentlichkeit hat-
ten sie sich immer anständig zu benehmen und in Uniform zu präsentieren.
Auch bei den Befehlen, die den Truppen in Innsbruck erteilt wurden, legte
man besonderes Augenmerk darauf, starke Disziplin und ein würdevolles
anständiges Verhalten an den Tag zu legen, wie es sich einem starken und selbst-
bewussten Volk sowie einem disziplinierten Heer ziemt15. Nur durch ein tadelloses
Verhalten könne Italien sein neues Image als Siegermacht konsolidieren, um
Gefühle wie Hass und Abneigung, die beim einstigen Feind gegenüber den
Italienern teilweise noch verbreitet waren, zu beseitigen.
13 Angelo Ara, La questione dell’università italiana in Austria, in: Ders., Ricerche sugli
austro-italiani e l’ultima Austria (Roma 1974) 9–140; Università e nazionalismi. Innsbruck
1904 e l’assalto alla Facoltà di giurisprudenza italiana, hrsg. von Günther Pallaver, Michael
Gehler (Trento 2010).
14 Roberto Segre, La missione militare italiana per l'armistizio (dicembre 1918 gennaio
1920) (Bologna 1928) 8; Roberto Segre, Relazione sull’attività della missione (dicembre 1918–
ottobre 1919), Vienna, 4. November 1919 8, in: USSME, E11, b. 1, fasc. 1. (Übers. d. Verf.)
15 Vertrauliches Schreiben des Kommandos der 6. Infanterie-Division an die untergeord-
neten Kommandos vom 18. November 1918, in: USSME, B1, Comando Brigata Chieti, allegati
al Diario dal 1° agosto 1918 al 30 novembre 1918. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918