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Andrea Di Michele
einen Großmachtstatus und eine gleichwertige Rolle bei der Gestaltung der
neuen internationalen Ordnung zuzuerkennen. Die tiefe Enttäuschung über
das Scheitern des italienischen Ministerpräsidenten Vittorio Emanuele Or-
lando und des italienischen Außenministers Sidney Sonnino bei den Pariser
Friedensverhandlungen führte in der Bevölkerung zu einer „antiwestlichen“
Wende, welche sich später im politischen Vorgehen des Ministerpräsidenten
Francesco Saverio Nitti sowie der Außenminister Tommaso Tittoni und Vit-
torio Scialoja niederschlug, die sich zusehends den alten Verbündeten an-
näherten22.
In Innsbruck wurde diese Entwicklung besonders deutlich: Gleich
nach dem Krieg waren Innsbruck, Landeck und andere Orte Tirols von italie-
nischen Truppen besetzt worden, da der Konflikt mit Deutschland noch nicht
beendet war23. Ein Jahr lang blieben mehr als 20.000 italienische Soldaten in
Nordtirol stationiert. Das Kontingent wurde allmählich reduziert, im Okto-
ber 1920 wurden die Truppen komplett abgezogen. Die Besetzung hatte vor
allem einen politischen Zweck: Durch die Kontrolle über Innsbruck meinte
man eine besser im Blick zu haben, was südlich des Brenners geschah. Jegli-
che italienfeindliche Initiative der Südtiroler Führungsklasse sollte auf diese
Weise verhindert werden, schrieb der italienische Gouverneur Pecori Giraldi
in seinem Schlussbericht. Er definierte Innsbruck als das Herz und der Kopf
aller Deutschen in Tirol einschließlich jener, die bald unsere Untertanen sein werden.
Aus diesem Grund war Innsbruck ein ausgezeichneter Beobachtungspunkt, der
Einblicke in die Mentalität der deutschen Südtiroler bietet. Innsbruck fungiert sozu-
sagen als unverhüllter Spiegel und als Verstärker dieser Mentalität24.
Die Italiener blieben allerdings nicht nur wegen möglicher Vorteile
hinsichtlich Südtirols so lange in Innsbruck, sondern weil die Tiroler Landes-
22 Monzali, „Cancellare secolari fraintendimenti“.
23 Andrea Di Michele, Al di qua e al di là delle Alpi. Piani italiani di espansionismo in
Tirolo (1918–1920), in: Italia contemporanea 60 (2009) 441–459; Johann Rainer, Italiens Mittel-
europa-Politik nach dem Ersten Weltkrieg, in: Forschungen zur Reichs-, Papst- und Landes-
geschichte, Teil II, hrsg. von Karl Borchardt, Enno Bünz (Stuttgart 1998); Johann Rainer, Die
italienische Besatzung in Österreich 1918–1920, in: Innsbrucker historische Studien 2 (1979)
77–90; Hans Kramer, Die italienische Besatzung in Innsbruck und Umgebung 1918–1920, in:
Der Schlern 7–8 (1971) 293 ff.
24 La Venezia Tridentina nel periodo armistiziale. Relazione del primo Governatore
(1919) ampliata di note ed allegati, hrsg. von Bice Rizzi (Trento 1963) 155. Hier ist der Wort-
laut des 4. und letzten Berichts von Guglielmo Pecori Giraldi enthalten.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918