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Andrea Di Michele
1918 eine „Mission zur Einhaltung der Waffenstillstandsklauseln“ unter der
Leitung von General Roberto Segre tätig. Ursprünglich zählte sie 30 Offiziere
und 100 bewaffnete Soldaten, davon 50 Carabinieri, doch schon im August
1919 waren 125 Offiziere und Beamte sowie 400 Soldaten in Wien beschäftigt26.
Die Hauptaufgabe der Mission war die Aufsicht über die Einhaltung
der Waffenstillstandsbedingungen. Überwacht wurden die Demobilisierung
der österreichisch-ungarischen Armee und die Vereinbarungen über Waffen
und Flotte, denn Italien war der Großteil der von Österreich abgelieferten
Militärgüter zugesprochen worden. Weiters wurde der Betrieb des Eisen-
bahnnetzes kontrolliert, um die Rückführung der italienischen Kriegsgefan-
genen und Flüchtlinge zu organisieren und Daten zu sammeln, die für die
Arbeit der Friedenskonferenz wichtig waren27. Tatsächlich weitete sich der
Tätigkeitsbereich der von General Segre geleiteten Mission aber anderthalb
Jahre nach seiner Gründung derartig aus, dass diese zu einer privilegierten
Beobachtungsstelle im Donauraum wurde. Die Mission sammelte vor allem
Informationen über die bolschewistische und monarchische Bewegung. Man
inspizierte die österreichischen Maßnahmen zur Lösung der politischen und
sozialen Notsituation. Es wurden auch militärische Daten über die Nachfol-
gestaaten der österreichisch-ungarischen Monarchie gesammelt; regelmäßig
wurden politische, wirtschaftliche und militärische Berichte über Presse-
mitteilungen veröffentlicht, und es wurde sogar versucht, die lokale Presse
zu beeinflussen. Bis zur Unterzeichnung des Friedensvertrags stellte Segres
Mission die einzige offizielle Vertretung der Feindmächte in Wien dar. Dies
ermöglichte Italien, seine Präsenz in Österreich gegenüber den anderen Sie-
germächten zu stärken28. Die Sicherung der Lebensmittelversorgung Wiens
wurde von Italien genutzt, um den Österreichern die italienische Großzügig-
26 Ministero degli Affari esteri. Commissione per la pubblicazione dei documenti di-
plomatici, I documenti diplomatici italiani (DDI) Sesta serie: 1918–1922, vol. I (Roma 1956)
647; Segre, La missione 24; Antonino Zarcone, Il generale Roberto Segre. „Come una granata
spezzata nel tempo“ (Roma 2014); Andrea Ungari, Introduzione, in: L’importanza dell’azione
militare italiana. Le cause militari di Caporetto, hrsg. von Adriano Alberti (Roma 2004) 1–63,
insbesondere 16–31.
27 DDI, Sesta serie: 1918–1922, vol. I 439; Johann Rainer, Die italienische Militärmission
in Wien 1918–1920, in: Festschrift Hermann Wiesflecker zum sechzigsten Geburtstag, hrsg.
von Alexander Novotny, Othmar Pickl (Graz 1973) 267–280.
28 Daniel Pommier-Vincelli, La missione Segre (1918–1920). L’Austria e la nuova Europa
centro-orientale (Roma 2010) 35–37; Haas, Le relazioni italo-austriache 413.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918