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Von der Annexion bis zur faschistischen Ära
keit deutlich zu machen29. Im September 1919 wurden allein in Wien täglich
rund 12.000 Menschen von den italienischen Behörden mit Nahrungsmitteln
versorgt, weitere 170.000 wurden gelegentlich versorgt. Im folgenden Winter
unterstützte die Regierung auch die Initiative einiger sozialistischer Kommu-
nalpolitiker, dank der etwa 2.000 unterernährte Kinder aus Wien bei italieni-
schen Familien untergebracht wurden30.
Italien wollte auf diese Weise seinen politischen und wirtschaftlichen
Einfluss in Österreich und darüber hinaus erweitern. Italienische Delegatio-
nen wurden auch in den Nachfolgestaaten, in Prag, Laibach, Marburg, Graz,
Budapest, Lemberg, Krakau und Stanislau eröffnet. In den meisten Fällen
handelte es sich um Büros, in denen eine Handvoll Soldaten unter äußerst
schwierigen Bedingungen arbeiteten. Oft standen sie in Konkurrenz zu ähn-
lichen Missionen der Alliierten, die auch darauf abzielten, eine enge Bezie-
hung zu den lokalen Behörden aufzubauen und die wirtschaftlichen und fi-
nanziellen Chancen zu nutzen.
Die Einsetzung der Delegationen gründete auf dem Wunsch, das Recht
und die Bemühungen Italiens als Siegermacht, in all diesen Gebieten präsent zu sein,
greifbar zu machen, aber auch auf der Absicht, den ersten Schritt in Richtung einer
Organisation zu machen, die dann unsere diplomatischen Behörden übernehmen wer-
den und die sich auf jenen Teil Zentraleuropas erstreckt, in dem es offensichtlich war,
dass Italien von nun an politisch präsent sein musste, aber wo es auch sein Haupt-
interesse war, wirtschaftlich auf den vielen aufstrebenden Märkten, mit ihren neuen
Bedürfnissen und neuer Orientierung, präsent zu sein31. Ein Beispiel dafür ist die
Tätigkeit der Delegation im Hoheitsgebiet Polens. Sie organisierte die Über-
führung von österreichischem Kriegsmaterial nach Polen im Tausch gegen
Kohle und nützte die Möglichkeiten, die sich italienischen Unternehmen,
welche industrielle und landwirtschaftliche Erzeugnisse exportierten, eröff-
neten. Die Kommission berichtete, dass Italien aus Polen Holz, Kohle, Erdöl
29 Andrea Di Michele, L’Italia in Austria: da Vienna a Trento, in: La vittoria senza pace.
Le occupazioni militari italiane alla fine della Grande Guerra, hrsg. von Raoul Pupo (Rom–
Bari 2014) 3–72, hier: 9–17; Francesco Bonini, La politica d’influenza dell’Italia nell’area da-
nubiana e la questione delle „terre liberate e redente“, in: Camera dei deputati, Commissione
parlamentare d'inchiesta sulle terre liberate e redente (Juli 1920–Juni 1922). Vol. I, Saggi e
strumenti di analisi (Roma 1991) 41–76, hier 51 f; Haas, Le relazioni italo-austriache 415 f.
30 Segre, La missione 70, 251 f.
31 Ebd. 161 f.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918