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Andrea Di Michele
Die Südtirol-Problematik trug dazu bei, dass die Ablehnung eines „Anschlus-
ses“ in Italien zur außenpolitischen Linie wurde49. Österreich sollte die Rolle
eines Pufferstaates zwischen Italien und Deutschland einnehmen sowie die
Slawen im Norden und im Süden trennen50. Man befürchtete, dass ein „An-
schluss“ Österreichs an Deutschland den Südtiroler Irredentismus wieder-
beleben würde, der sich auf den Schutz eines erstarkten Deutschland berufen
hätte können. Bei den Anschlussgegnern in der österreichischen Regierung,
die gewillt waren, die österreichische Unabhängigkeit zu verteidigen, wurde
Italien damit zum unverzichtbaren Partner, und zwar unabhängig von seiner
Entnationalisierungspolitik in Südtirol.
Im dem Jahr, in dem der Marsch auf Rom stattfand, kam es auch in Ös-
terreich zu einer politischen Wende, welche die Annäherung zwischen den
beiden Ländern weiter förderte. 1922 stand Ignaz Seipel einer konservativen
Regierung vor, die sich auf eine Koalition zwischen den Christlichsozialen
und Großdeutschen stützte. Die politische Nähe der beiden Regierungen und
die gegenseitigen Interessen ermöglichten die Zusammenarbeit, die Seipel im
Jahr 1923 im Rahmen eines offiziellen Staatsbesuches nach Rom führte, wo
es zur Unterzeichnung eines wichtigen Handelsabkommens zwischen den
beiden Ländern kam51. In dieser brisanten Phase war es für Seipel wichtig,
auf internationaler Ebene auf die Unterstützung Italiens zählen zu können,
um Österreich, das sich in einer schwierigen finanziellen Lage befand, ein
Darlehen vom Völkerbund zu sichern. Die Zusammenarbeit wurde jedoch
weiterhin durch die Südtirol-Problematik überschattet. Die national-kon-
servative Zusammensetzung der Regierung Seipel machte eine vollständi-
ge Ignorierung des Themas der Verteidigung der Minderheiten jenseits der
Grenzen schwierig. Es war damit auch Gegenstand der Gespräche zwischen
Seipel und Mussolini, der mehrmals mit Drohungen auf die diesbezüglichen
Klagen Österreichs antwortete52. Im Dezember 1923 übermittelte die öster-
49 Enzo Collotti, Il fascismo e la questione austriaca, in: Il movimento di liberazione
in Italia 81 (1965) 3–25; Giampiero Carocci, La politica estera dell’Italia fascista (1925–1928)
(Bari 1969) 41–56.
50 Ludwig Jedlicka, Austria e Italia dal 1922 al 1938, in: Storia e politica 13/1–2 (1974) 82–105, hier 90.
51 Malfèr, Wien und Rom nach dem Ersten Weltkrieg 137–140.
52 Furlani, Wandruszka, Austria e Italia 199 ff.; Klaus Weiss, Das Südtirol-Problem in der
Ersten Republik. Dargestellt an Österreichs Innen- und Außenpolitk im Jahre 1928 (Wien–
München 1989) 54 ff.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918