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Südtirol zwischen Österreich und Italien in den 1930er Jahren
Forderungen der Minderheit entgegenkommen. Mussolini hielt dazu fest: Ich
antwortete ihm lediglich, dass ich mich an seine Worte erinnern werde. Wenn ich
eine Politik verfolge, die auf Freundschaft gegenüber einem Staat basiert, dann bin ich
bereit, diese unter Beweis zu stellen.9
Spätestens nach dem Februarputsch 1934 und der Zerschlagung der
Sozialdemokratie gab es für das Dollfuß-Regime außenpolitisch tatsächlich
kaum noch Alternativen zu Italien als Bündnispartner. Das faschistische Re-
gime in Rom schirmte somit, zumindest ein Stück weit, vor nationalsozialis-
tischen Übergriffen ab – innen- wie außenpolitisch. Erster wichtiger Schritt,
die Integrität des Landes zu erhalten, war die Unterzeichnung der Römischen
Protokolle am 7. März 1934 durch Mussolini, Dollfuß und den ungarischen
Ministerpräsident Gyla Gömbös sowie deren Ergänzung durch wirtschaftli-
che Vereinbarungen im Mai desselben Jahres. Sowohl für Österreich als auch
für Ungarn waren die Protokolle ein Versuch, ihre Eigenständigkeit zu be-
wahren, hieß es doch im ersten der Protokolle, es ginge um die Förderung der
Grundlage der Achtung der Selbständigkeit und der Rechte jedes einzelnen Staates10.
Italien wiederum wollte durch die Verträge seinen Einfluss im Donauraum
ausbauen und den Expansionsbestrebungen des Deutschen Reiches in diese
Richtung Einhalt gebieten11.
Die Wirkung der Römischen Protokolle sollte schon kurz nach der
Unterzeichnung auf die Probe gestellt werden, denn unmittelbar nach dem
Juli-Putsch des Jahres 1934, bei dem Kanzler Engelbert Dollfuß ermordet
wurde, ließ Mussolini, quasi als Drohgebärde gegenüber Deutschland und
als Schutz für Österreich, italienische Truppen am Brenner aufmarschie-
ren. Beäugte der neue Bundeskanzler des diktatorischen Ständestaats, Kurt
Schuschnigg, zunächst diese Form der freundschaftlichen Unterstützung
Italiens kritisch, so bemühte sich die österreichische Regierung in Folge der
Juli-Ereignisse dennoch um den Abschluss eines Paktes mit Rom, London
9 Ebd. (Übers. d. Verf.)
10 NO 3554 – Protokoll I, Zwischen Österreich, Ungarn und Italien. Gezeichnet in
Rom, am 17. März 1934 (deutsche Fassung), in: League of Nations Treaty Series 1934, hrsg.
von The World Legal Information Institute o.D., [http://www.worldlii.org/int/other/
LNTSer/1934/241.html], letzter Zugriff 12.01.2018.
11 Alexander Lassner, The Foreign Policy of the Schuschnigg Government 1934–1938.
The Quest for Security, in: The Dollfuss/Schuschnigg Era in Austria. A Reassessment, hrsg.
von Anton Pelinka, Günter Bischof, Alexander Lassner (= Contemporary Austrian Studies
11, Somerset 2003) 163–186, hier 163 ff.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918