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Südtirol zwischen Österreich und Italien in den 1930er Jahren
Betätigungsverbotes boten Zugeständnisse auf politischem, wirtschaftli-
chem und kulturellem Gebiet zunehmend Spielräume für die Ausbreitung
des Nationalsozialismus in Österreich22.
Die Verhandlungen zwischen Deutschland und Österreich, die von
Seiten Österreichs angestrebt worden waren, um die Tausend-Mark-Sperre
zu beseitigen und den innenpolitischen Druck der Nationalsozialisten einzu-
dämmen und das daraus resultierende Juliabkommen von 1936 sind also auch
im Lichte dieser Entwicklungen zu sehen. Letzteres bekräftigte somit, dass
die Beziehungen der beiden Staaten sich fortan wieder „normal und freund-
schaftlich“ gestalten sollten. Grundsatz des Abkommens bildete jedoch der
erste Absatz, in dem festgehalten wurde: Im Sinne der Feststellungen des Führers
und Reichskanzlers vom 21. Mai 1935 anerkennt die Deutsche Reichsregierung die
volle Souveränität des Bundesstaates Österreich.23 Was folgte waren allerdings
geheime Vereinbarungen, die den Handlungsspielraum der Schuschnigg-Re-
gierung deutlich einschränkten. Nicht nur wollte Berlin über jeden außenpo-
litischen Schritt Wiens informiert werden, es wurde auch die Intensivierung
der Wirtschaftsbeziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten einge-
leitet. Innenpolitisch versprach Schuschnigg eine politische Amnestie für die
„nationale Opposition“, also die pro-nationalsozialistischen Kräfte im Land
und deren Einbindung in die Regierung24.
Das Entgegenkommen an das Deutsche Reich befriedete in Folge jedoch we-
der die Nationalsozialisten in Österreich noch verringerte es den Druck des
Deutschen Reiches auf den Alpenstaat. Das Berchtesgadener Abkommen
vom Februar 1938 kam daher auch einer Aufgabe Schuschniggs und einem
völligen Scheitern seiner Außenpolitik gleich. Der Weg für den „Anschluss“
am 12. März 1938 war damit vorgezeichnet25.
Am 27. Februar hielt Mussolini in einer Aktennotiz fest: Es ist in erster
Linie Österreichs Aufgabe, durch Taten zu beweisen, dass es selbständig sein und
bleiben will. Zwar sei Österreichs Selbständigkeit immer noch vordergründi-
ges Interesse Italiens, doch reiche die Verteidigung dieser Unabhängigkeit
nicht aus, einen Krieg zu riskieren. Sie genüge nicht einmal, um die stra-
22 Tálos, Das austrofaschistische Österreich 34–39.
23 Zit. n. Hopfgartner, Kurt Schuschnigg 167.
24 Ebd.169 ff.
25 Tálos, Das austrofaschistische Österreich 35–28.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918