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Südtirol zwischen Österreich und Italien in den 1930er Jahren
Dollfuß’ durch Nationalsozialisten im Juli 1934 verlor der Austrofaschismus
seine charismatische Führerfigur. Personell war Ernst Rüdiger Starhemberg,
der „Heimwehrführer“ und Abgeordnete zum Nationalrat, danach die zent-
rale Kontaktperson zum Regime Mussolini. Er hatte als Leiter der Heimweh-
ren eine zentrale Rolle bei der Niederschlagung des Putsches und der Verfol-
gung der nationalsozialistischen Schlägertrupps gespielt. Kurt Schuschnigg,
der Dollfuß als Bundeskanzler nachfolgte, trug weniger rigoros, wenn auch
konsequent die Neuausrichtung des Staates mit. Er beließ Starhemberg im
Amt und ernannte ihn zum Vizekanzler und Minister für das gesamte Sicher-
heitswesen. In dieser Funktion betrieb er zwei Jahre lang eine konsequente
Politik der Anlehnung an das faschistische Italien. Das Mittelmeerland blieb
daher als außenpolitischer Partner alternativlos ebenso wie der italienische
Faschismus als einzig mögliche ideologische Orientierung bestimmend für
die Jahre 1934 bis 1936 war39.
Andererseits bemängelt Mussolini zunehmend den fehlenden Durch-
setzungswillen der autoritären Ideen durch die Schuschnigg-Regierung. Er
prangerte überhaupt die Monarchie-Nostalgie des neuen Regierungsober-
hauptes an, ebenso wie er die Pläne der Restauration der Habsburger sowohl
von Seiten Starhembergs als auch Schuschniggs als fatale Politik einstufte.
Dies spiegelt auch jenen Wandel wider, den der Austrofaschismus in
den kommenden Monaten vollzog, verloren doch die Heimwehren spätes-
tens ab Sommer 1936 entschieden an Bedeutung. Waren sie noch 1934 Garant
für die Stabilisierung des austrofaschistischen Systems gewesen, so wurden
sie jetzt zu einem unkontrollierbaren Unsicherheitsfaktor. Als Schuschnigg
schließlich eine Annäherung an Hitler-Deutschland begann, waren sie offen-
sichtlich störend. Es folgte zunächst ihre Unterstellung unter das Verteidi-
gungsministerium und schließlich ihre sukzessive Ausschaltung. Mit ihrem
Verbot im Oktober 1936 legte auch Starhemberg alle Ämter nieder, wodurch
schließlich die Politik der vergangenen Jahre, allein durch politische und
ideologische Anlehnung an das faschistische Italien die Unabhängigkeit Ös-
terreichs zu garantieren, als gescheitert angesehen werden konnte. Durch
eine Regierungsumbildung im November 1936 entfernte Schuschnigg die
letzten Mitglieder der Heimwehren aus der Regierung und nahm stattdessen
39 Tálos, Das austrofaschistische Österreich 32 f.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918