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Südtirol zwischen Österreich und Italien in den 1930er Jahren
Führungsmacht in den Dreierabkommen sicherte sich hier einen Raum zur
Einmischung in die österreichische und ungarische Außenpolitik. In wirt-
schaftlicher Hinsicht wiederum enthielten die Papiere eine gegenseitige Be-
günstigung zwischen Österreich und Italien (hinsichtlich Zölle und Kredite).
Im geheimen Zusatzprotokoll verpflichteten sich sowohl Österreich als auch
Ungarn einen Teil des heimischen Marktes für italienische Produkte frei zu
halten48.
Für Österreich lagen die Vorteile der Abkommen ganz klar in der För-
derung des Außenhandels mit den beiden Partnern, was sich in konkreten
Zahlen der Handelsbilanzen niederschlug: Zirka zwei Drittel der österreichi-
schen Ausfuhr zwischen 1935 und 1937 gingen in die beiden besagten Län-
der49. Für Italien wiederum versprachen die Zusammenarbeit mit Österreich,
aber auch jene mit der Kleinen Entente, zu einem erspriesslichen [sic!] Verhältnis
auch in wirtschaftlicher Beziehung zu gelangen50. Die Veränderungen wiederum,
die sich die faschistische Führung durch die materielle Unterstützung zu-
nächst der Heimwehren und danach der österreichischen sowie ungarischen
Wirtschaft versprach, waren daher sowohl ökonomischer als auch ideologi-
scher Natur.
Zudem wirtschaftlich profitieren konnte Österreich von den Sanktio-
nen, die der Völkerbund gegen Italien verhängte: Österreich sprang als Lie-
ferant italienischer Güter in den Donauraum und in osteuropäische Länder
ein. Langfristig hatte die Entscheidung der Schuschnigg-Regierung, sich an
die Seite Italiens und gegen den Völkerbund zu stellen – denn genau so und
nicht als neutrale Haltung wurde die Reaktion Österreichs interpretiert –
auch wirtschaftlich negative Folgen. Die Isolation, in die sich das Alpenland
dadurch brachte, drängte es nun auch ökonomisch in zunehmende Abhän-
gigkeit zu Italien und schlussendlich auch zum Deutschen Reich51.
Im letzten Jahr vor dem „Anschluss“ spielte dann noch einmal die
wirtschaftliche Situation Österreichs – aber auch Deutschlands – eine Rolle
48 Tálos, Das austrofaschistische Herrschaftssystem 491–501.
49 Yannik Mück, Österreich zwischen Mussolini und Hitler – der Weg zum Juliabkom-
men 1936 (Bonn 2015) 40–45; Tálos, Das austrofaschistische Herrschaftssystem 491–500.
50 Amtserinnerung hinsichtlich der Gespräche in Riccione 19. und 20. August 1933, in:
Maderthaner, Maier, „Der Führer bin ich selbst“ 41–44, hier: 44.
51 Tálos, Das austrofaschistische Österreich 140–145.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918