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Südtirol zwischen Österreich und Italien in den 1930er Jahren
Ohne faschistische Assimilierungs- und Majorisierungspolitik ist dieser Um-
schwung nicht wirklich erklärbar. Der Verlust von Heimat und die sukzessive
Auflösung kultureller, politischer und ökonomischer Zusammenhänge der
(Süd)Tiroler Gesellschaft hatte dramatische Auswirkungen und breite Such-
bewegungen zur Folge. Daneben kamen aber auch andere Gründe zum Tra-
gen: Bereits vor dem Ersten Weltkrieg war ein Tiroler Irredentismus, der nur
zum Teil als Reaktion auf den italienischen, Trentiner Irredentismus verstan-
den werden kann, vorhanden. Die zunehmenden irredentistischen Forderun-
gen territorialer Art im Trentino hatten als Gegenpart eine breite deutsch-
tümelnde Anhängerschaft für eine „großdeutschen Gesamtlösung“ und
einen großdeutschen Nationalismus, v.a. propagiert in Schützen-, Gesangs-,
Studenten-, Turn- und Alpenvereinen, zur Folge. Assimilierungsreden öster-
reichischer bzw. deutscher Art mit Vorschlägen für Eindeutschungsmaßnah-
men des Trentino waren in diesen Vereinigungen keine Seltenheit. Im Ein-
flussbereich des Nationalsozialismus äußerte sich diese Haltung zunehmen
als „Abgrenzungsidentität“ zum Italienischsein55.
Weiters spielte die Schwäche der Außenpolitik des Rumpfstaates Ös-
terreich, die beinahe ausschließlich das Primat der wirtschaftlichen Notwen-
digkeit bedienen konnte, eine entscheidende Rolle. Eben weil Österreich in
Folge des Anschlussverbotes des Friedensvertrages von Saint Germain und
der vermeintlichen Lebensunfähigkeit als kleine Alpenrepublik begann, die
Beziehungen zu Italien zu verbessern, in den 1930er-Jahren sogar zu priori-
sieren, steigerte dies das Gefühl des Vertrauensbruches in Südtirol, aber auch
in Nord- und Osttirol. Dem gegenüber standen die Hoffnungen, die in den
unvergleichbaren Aufstieg Deutschlands durch die Machtübernahme der
Nationalsozialisten gesetzt wurden56.
Neben (impliziten) politischen Versprechen eines „Anschlusses“ ent-
wickelte das Dritte Reich auch einen ungeheuren wirtschaftlichen Sog auf
55 Siehe näheres dazu: Eva Pfanzelter, Option und Gedächtnis. Erinnerungsorte der
Südtiroler Umsiedlung 1939 (Bozen 2014) 15–41. Daneben auch beispielsweise einige Beiträge
in: Deutsche! Hitler verkauft euch! Das Erbe von Option und Weltkrieg in Südtirol, hrsg. von
Günther Pallaver, Leopold Steurer (Bozen 2011).
56 Eva Pfanzelter, The South Tyrol Question and the Option Agreement. Fascism and
National Socialism in the Nineteen-Twenties and Nineteen-Thirties, in: Dialogue against
violence. The question of Trentino-South Tyrol in the international context, hrsg. von Gio-
vanni Bernardini, Günther Pallaver (= Annali dell'Istituto Storico Italo-Germanico in
Trento Contributi 32, Bologna, Berlin 2017) 33–56.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918