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Eva Pfanzelter
jene, die in Südtirol aufgrund beruflicher Chancenlosigkeit permanent am
Existenzlimit kratzten. Die Verheißung eines beispiellosen wirtschaftlichen
Aufstieges und der technischen Moderne sowie einer mitreißenden Jugend-
kultur zeigten schon bald ihre propagandistische Wirkung. Unter dem italie-
nischen Faschismus waren diese nur unter Aufgabe des eigenen Volkstums
zu haben, im Nationalsozialismus konnte das alles unter Beibehaltung des
„Deutschtums“ erreicht werden. In diesem Kontext zeichnete sich ein Gene-
rationenbruch ab. Die wirtschaftlichen Versprechen, gepaart mit massiven
finanziellen Förderungen aus Deutschland, spielten in den 1930er-Jahren
v.a. für den Erfolg des Völkischen Kampfrings Südtirol (VKS), der illegalen
NS-Bewegung, eine große Rolle57.
Ein sozialer Bruch hingegen ergab sich in den 1930ern daraus, dass die
faschistische Repressionspolitik wohlhabende Bauern, die städtische Bevöl-
kerung und das reiche Bürgertum weniger betraf bzw. diese sich besonders
auch wegen des Arrangements Italiens mit Österreich schneller in das neue
Machtsystem einfügten. Es ging eher um Autonomie, Kooperation und Eini-
gung. Anders erging es allerdings Menschen aus der unteren Bauer-, Hand-
werker-, Arbeiter- und Angestelltenschicht. Sie hatten die Möglichkeiten zur
Zusammenarbeit oft nicht. Für sie wurde die politische und wirtschaftliche
Neuordnung im Faschismus zur lebensbedrohlichen Notlage, was sie emp-
fänglicher für extreme Ideologien und Verheißungspropaganda machte: Die
nationalsozialistische Volkstumsideologie, die eine staatliche Einheit aller
Deutschen versprach, stellte damit auch die Lösung aller hauseigenen so-
zialen und wirtschaftlichen Probleme inklusive eines revanchistischen Pro-
gramms in Aussicht. Vor diesem Hintergrund kann die Wirkkraft der in den
1930er-Jahren massiv einsetzenden nationalsozialistischen Propaganda nicht
hoch genug eingeschätzt werden, die ideologische Loslösung vom verräteri-
schen Österreich war nur noch ein kleiner Schritt58.
Im Juni 1933 schlossen sich die seit 1928 ideologisch stark divergie-
renden Jugendgruppen zur Südtiroler Heimatfront zusammen. Anfang 1934
benannte sich diese in „Völkischer Kampfring Südtirols“ um und setzt ein
sechs Punkte umfassendes politisches Programm mit Anlehnung an den Na-
57 Ebd.
58 Rolf Steininger, Südtirol im 20. Jahrhundert: von Leben und Überleben einer Minder-
heit (Innsbruck–Wien 1997) 95–113, 137–144.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918