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Südtirol zwischen Österreich und Italien in den 1930er Jahren
tionalsozialismus ein. Die Propagandatätigkeit des und der Zulauf zu den
Illegalen nahm von da an jährlich sprunghaft zu, sodass ab 1937/38 politisch
von einer Ablösung des (österreichischen) Deutschen Verbandes durch den
(nationalsozialistischen) VKS in der ideologischen Führung der Volksgruppe
gesprochen werden kann59.
Für Südtirol bedeutet der Nationalsozialismus in den 1930er-Jahren
eine Homogenisierung und Uniformierung der Gesellschaft. Provoziert wurde
die Haltung durch den italienischen Faschismus, mitgetragen wurde sie durch
die Deutschtümelei im Sinne eines „bäuerlichen Deutschseins“. Zeitgleich zu
diesem Homogenisierungs- und Integrationsprozess war ein Identitätswechsel
zu konstatieren, der vom „österreichisch-deutschsprachigen Südtirolersein“
weg- und zum „volksdeutschen Angehörigen einer großen Gemeinschaft“
hinführt. In den Italienern fand sich das notwendige Feindbild (im Sinne eines
Gegenvolkes), in Italien selbst der Erbfeind. Daraus erklärt sich auch in letz-
ter Konsequenz die „Dienstbotenrolle“ bzw. die „Treuehaltung“ der Südtiroler
gegenüber dem Deutschen Reich in der Option von 193960.
4. Fazit
Deutschland löste als Bezugspunkt für die politischen Zukunftswünsche der
Südtiroler Österreich spätestens 1933 ab. Für die Südtiroler spielte Österreich
danach nur noch eine untergeordnete Rolle. Für Österreich und Italien indes
war Südtirol in den 1930er-Jahren zumindest auf dem diplomatischen Par-
kett nicht mehr ein entscheidendes Kriterium in der Ausformung ihrer Bezie-
hungen. Vielmehr standen jetzt politische, ideologische und wirtschaftliche
Interessen und damit zusammenhängende gegenseitige Abhängigkeiten im
Vordergrund.
Unter diesen Vorzeichen ist Südtirol in das Beziehungsdreieck
Deutschland–Österreich–Italien einzuordnen: Südtirol spielte letztlich in den
politischen Kalkulationen der Mächte nur insofern eine Rolle, als es als per-
manenter Konfliktherd die friedlichen Beziehungen der Nationen zueinan-
der störte. Die Lösung dieses Problems kennen wir: Sie hieß Option und Ab-
59 Ebd.
60 Siehe Näheres bei Pallaver, Steurer, Deutsche!
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918