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Jörg Ernesti
1. Die Ausgangssituation
Die Situation Südtirols in der Zwischenkriegszeit versteht man nicht, wenn
man nicht mit dem Ersten Weltkrieg ansetzt2. Das Gebiet zwischen Ala und
Brenner, also das Trentino („Welschtirol“) und Südtirol, war bereits im Früh-
jahr 1915 Gegenstand der vatikanischen Diplomatie. Offenkundig erwartete
die italienische Regierung, der Heilige Stuhl werde in Wien darauf hinwir-
ken, dass Österreich freiwillig auf dieses Gebiet zu verzichten. Das Trentino
galt wie Triest als „irredento“ („unerlöst“), da es zwar überwiegend italie-
nischsprachig, aber 1870 nicht zum Königreich Italien gekommen war. Papst
Benedikt XV. und sein Kardinalstaatssekretär Pietro Gasparri scheinen dazu
bereit gewesen zu sein, in der Hoffnung, auf diese Weise eine Kriegserklä-
rung Italiens an Österreich-Ungarn zu vermeiden3. Am 15. Januar 1915 trug
Nuntius Raffaele Scapinelli di Leguigno Kaiser Franz Joseph I. den Wunsch
des Papstes vor, Österreich-Ungarn möge sich zum Verzicht auf das Gebiet
südlich von Bozen verstehen4. Aus historischer Sicht erschien es freilich in
Wien kaum akzeptabel, auf die beiden alten Fürstbistümer Brixen und Tri-
ent zu verzichten, zumal Bozen und das Unterland damals fast geschlossen
deutschsprachig waren und eine derartige Konzession einem Eingeständnis
der eignen Schwäche gleichgekommen wäre5. Licht auf diese Vorgänge wie
auf die Nachkriegspolitik des Heiligen Stuhls fällt von einer bislang kaum
beachteten Quelle, den Tagebüchern des Papstvertrauten Carlo Monti, der als
Mittelsmann zwischen italienischer Regierung und Vatikan fungierte6.
Parallel dazu verhandelte Italien bereits mit der Entente und bekam
sehr viel mehr versprochen, als man von dem nördlichen Nachbarn erwarten
konnte: die Herrschaft bis zum Brenner, Triest, Dalmatien, den Dodekanes.
Die „Römische Frage“, der seit 1870 zwischen Vatikan und Quirinal schwe-
lende Konflikt um die päpstliche Souveränität, wurde im Londoner Vertrag
2 Grundlegend: Richard Schober, Tirol zwischen den beiden Weltkriegen. Politik, Partei-
en und Gesellschaft (= Veröffentlichungen des Tiroler Landesarchivs 18, Innsbruck 2009).
3 Jörg Ernesti, Benedikt XV. Papst zwischen den Fronten (Freiburg i. Br. et al. 2016) 75–84.
4 Friedrich Engel-Janosi, Österreich und der Vatikan 1846–1918, Bd. 2, Die Pontifikate
Pius‘ X und Benedikts XV. (1903–1918) (Graz et al. 1960) 211–226, 240 ff.
5 Engel-Janosi, Österreich und der Vatikan 197 ff.
6 La conciliazione ufficiosa. Diario del Barone Carlo Monti «Incaricato d'affari» del gover-
no italiano presso la Santa Sede (1914–1922), hrsg. von Antonio Scottà, 2 Bände (Roma 1997).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918