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Jörg Ernesti
worden. Wien hatte seine Abberufung betrieben, ihn zeitweise in Heiligen-
kreuz interniert. Nach dem Krieg kehrte er im Triumph in seine Bischofsstadt
zurück, von seinen italienischen Diözesanen wie eine Bekenner verehrt, von
seinen deutschsprachigen Gläubigen immerhin geachtet. Der Annexion Süd-
tirols stand er skeptisch gegenüber18. Bereits vor dem Weltkrieg scheint er
zwar eine Abtrennung seiner deutschsprachigen Bistumsgebiete befürwor-
tet zu haben, als aber am 5. August 1922 der Brixner Fürstbischof Raffl zum
Administrator für diese ernannt wurde, intervenierte er im kirchlichen und
politischen Rom, so dass die Maßnahme bereits zwei Wochen später revo-
ziert wurde19. Faktisch beließ er den 10 deutschen Dekanaten, für die er einen
Provikar ernannte, eine gewisse Eigenständigkeit20. Das zeigte sich auch,
als der Religionsunterricht in italienischer Sprache erteilt werden sollte und
die deutschsprachigen Kleriker ihre Mitwirkung verweigerten. In der Folge
wurde in den deutschen Dekanaten Trients mit Duldung Endricis ähnlich
vorgegangen wie in der Diözese Brixen und pfarrlicher Unterricht erteilt21.
Parallel zum Vinzentinum in Brixen bildete das Kleine Seminar Johanneum in
Dorf Tirol geistlichen Nachwuchs aus, wegen der Schließung des Benedikti-
nergymnasiums in Meran nun auch mit eigener Schule. Gegenüber den Fa-
schisten wurde er immer wieder zum Anwalt der Katholiken in Meran und
Bozen, was einem Italiener leichter fallen musste als einem deutschsprachi-
gen Südtiroler.
Den jungen Trentiner Politiker Alcide De Gasperi förderte Endrici
schon vor dem Großen Krieg, übertrug ihm die Leitung seiner Kirchenzei-
tung und unterstützte ihn nach 1918 ideell bei der Gründung des christde-
mokratischen Partito Popolare im Trentino. Dieser errang hier 1921 einen
großen Wahlsieg. Kirchenzeitung und Partei wurden 1926 verboten. Senator
Ettore Tolomei, Motor und Ideengeber der Italianisierung des „Alto Adige“,
schlug dem italienischen Innenminister vor, beim Vatikan darauf zu drin-
gen, den Bischof in eine römische Kongregation abzuberufen. Der Vatikan
18 Schober, Die Tiroler Frage 203 ff.
19 Heiss, Schutzmacht und Ohnmacht 96; Gelmi, Geschichte der Kirche 375 ff.; Faustini,
Die katholische Kirche 657 ff.
20 1917–1928 war dies Balthasar Rimbl, auf ihn folgte Joseph Kögl.
21 Rolf Steininger, Südtirol im 20. Jahrhundert. Dokumente (Innsbruck et al. 1999) Dok.
13, 41 f. vom September 1926: Eingabe der Geistlichkeit des deutschen Anteils der Diözese
Trient an Endrici, Dok. 14, 43 f. an den Provikar in derselben Sache.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918