Seite - 314 - in Die schwierige Versöhnung - Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Bild der Seite - 314 -
Text der Seite - 314 -
314
Jörg Ernesti
ein Menschenantlitz tragen.35 Das war ein Angebot, zur Versöhnung zwischen
den Sprachgruppen beizutragen und sich als Bischof aller Südtiroler zu ver-
stehen. Seit 1933 stand ihm Alois Pompanin als Generalvikar zur Seite, der als
Ladiner von einer antiitalienischen Haltung geprägt war (Mussolini erkannte
die Ladiner nicht als eigene Volksgruppe an, sondern betrachtete das Ladini-
sche als italienischen Dialekt).
Doch bald schon wurde die Konzilianz des Bischofs durch das fa-
schistische Regime auf die Probe gestellt. Geistliche wurden ausgewiesen,
italienische Geistliche spendeten ohne die nötige Ermächtigung durch den
Ortsordinarius Sakramente, die kirchlichen Vereine wurden behindert. Or-
den wurden von ihren österreichischen Provinzhäusern getrennt, Ordens-
häuser Italienern übergeben (etwa der Wallfahrtsort Maria Weißenstein der
Serviten). Proteste beim Provinzpräfekten blieben wirkungslos. Dass Geisler
sehr ernüchtert über die staatlichen Maßnahmen gegen die Kirche war, zeigt
der Statusbericht, den er am 9. Januar 1936 an Giuseppe Pizzardo, den Se-
kretär der Kongregation für die außerordentlichen Angelegenheiten der Kir-
che, übersandte36. Er beklagt die Unterdrückung der deutschen Taufnamen,
die sogar auf den Grabsteinen nicht verwendet werden durften. Es komme
zu politisch motivierten Inhaftierungen und Deutsche verlören ihre Arbeit.
Auf den Ämtern werde nur noch Italienisch gesprochen, und der Unterricht
in deutscher Sprache sei ausgerottet. Man darf sich schließlich nicht wundern,
dass die deutsche Bevölkerung Abneigung hegt gegen das neue Vaterland Italien oder
gegen alles, was italienisch ist.37 Die Regierenden hätten nichts getan, um die
Bevölkerung zu gewinnen, im Gegenteil.
Neben diesen Beobachtungen allgemeiner Art äußert sich der Bischof
auch zum gegenwärtigen Abessinienkrieg und damit zu einem in politischer
Hinsicht heiklen Thema. Die deutsche Bevölkerung sei geschlossen gegen
den Krieg und sehe ihn als einen ungerechtfertigten Angriff auf einen wehr-
losen Gegner an. Um den Krieg zu unterstützen, waren die Eheleute in ganz
Italien aufgerufen, ihre Eheringe abzuliefern und gegen eiserne Eheringe mit
eingraviertem Parteisymbol einzutauschen. Auch Königin Elena hatte publi-
kumswirksam ihren Ring abgeliefert. Überall im Land segneten Priester die
35 Hirtenbrief vom 28.7.30: Gelmi, Fürstbischof Johannes Geisler, Dok. 29 158–162, Zitat: 157.
36 Gelmi Fürstbischof Johannes Geisler, Dok. 32 171–191.
37 Ebd. 175. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918