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Die katholische Kirche in Südtirol 1918–1940
neuen Ringe und brachten so die Billigung der Kirche zu der Aktion, indirekt
auch zum „vaterländischen Krieg“ zum Ausdruck. Er selbst habe den Klerus
in der Angelegenheit zur Neutralität angehalten, so Geisler. In den Bistümern
Trient und Brixen verweigere sich jedoch die deutschsprachige Bevölkerung
fast geschlossen dem Aufruf des Duce38. Um ihn, den Bischof, zu provozieren,
hätten Militärkapläne gegen seinen ausdrücklichen Willen auf dem Brixner
Domplatz eine Heilige Messe gefeiert und Ersatzringe gesegnet. Der Bischof
warnt, dass das willfährige Auftreten von Priestern der Glaubwürdigkeit der
Kirche schade und den Hass der Bevölkerung gegen die „Unterdrücker“39
weiter nähre. Das mochte als Hilferuf zu verstehen sein, den allzu vaterlän-
disch gesinnten italienischen Klerus in Südtirol im Zaum zu halten.
Ferner berichtet der Bischof nach Rom, dass er gehalten sei, es der
Präfektur zu melden, wenn er seine Residenz verlasse. Er bekomme dann
Geleitschutz gestellt. Es werde also seine Freiheit eingeschränkt, er solle ein-
geschüchtert werden, und er werde ständig überwacht40.
Interessant scheint, dass Geisler, dem man nach außen hin keinen
Hang zum Politisieren vorwerfen konnte, sich hier zum Sprachrohr nicht nur
des Kirchenvolkes, sondern der gesamten Südtiroler Bevölkerung machte.
Wohl kaum konnte er allerdings erwarten, dass der Vatikan in der Sache der
Südtiroler interveniere. War es die Attitüde des Fiat iustitia pereat mundus, die
ihn solches vortragen ließ – eine Haltung, die ihn schließlich auch an einer
Zukunft in Italien verzweifeln und für Deutschland optieren lassen sollte?
Als der italienische Kronprinz Umberto und seine Frau Maria Josè
1938 eine Reise in die Provinz „Alto Adige“ planten, wurde ihm vom Pro-
vinzpräfekten Giuseppe Mastromattei dringend nahegelegt, die hohen Gäste
auf Burg Bruneck zu empfangen41. Als Geisler als Bedingung vorbrachte, dass
zuvor alle politischen Gefangenen freigelassen und die Entlassenen wieder-
eingestellt würden, um so zur Befriedung der Situation beizutragen und ihn
selbst nicht in den Augen der deutschen Bevölkerung zu desavouieren, ging
38 Ebd. 175 ff. 188 ff. Petra Terhoeven, Eheringe für den Krieg. Die Geschichte eines fa-
schistischen Gedächtnisorts, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 54 (2006) 61–85, 76 f.
39 „Oppressori“: Gelmi, Fürstbischof Johannes Geisler, Dok. 32 190.
40 Ebd. 184–187.
41 Gelmi, Fürstbischof Johannes Geisler, Dok. 33 192: Brief Geislers an Präfekt Giuseppe
Mastromattei vom 5. Mai 1938.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918