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Stefan Lechner
allem für eine Einschätzung der Bedeutung des Pariser Abkommens in seiner
Gesamtheit unerlässlich.
Der Artikel 3 a lautet:
In der Absicht, gutnachbarliche Beziehungen zwischen Österreich und Ita-
lien herzustellen, verpflichtet sich die italienische Regierung, in Beratung
mit der österreichischen Regierung binnen einem Jahr nach Unterzeich-
nung dieses Vertrages:
a) in einem Geist der Billigkeit und Weitherzigkeit die Frage der Staatsbür-
gerschaftsoptionen, die sich aus dem Hitler-Mussolini-Abkommen von 1939
ergeben, zu revidieren.3
Während Österreich in der Frage der Ausgestaltung der Autonomie für Süd-
tirol kein Mitspracherecht besaß, sollte die Regelung des Optantenproblems
in italienisch-österreichischer Absprache erfolgen. Tatsächlich wurde das so-
genannte Optantendekret bereits Anfang Februar 1948 und damit vertrags-
konform erlassen4. Wie es dazu kam und auch warum die Regelung ziemlich
rasch, jedoch trotzdem später als möglich und wohl zu spät erfolgte, steht im
Mittelpunkt dieser Ausführungen. Zunächst soll jedoch in wenigen Worten
auf die historischen Ereignisse eingegangen werden, die eine Regelung der
Staatsbürgerschaft der meisten Südtiroler nach 1945 notwendig machte.
Mitte 1939 vereinbarten das Deutsche Reich und das Königreich Itali-
en die Umsiedlung der Südtiroler nach Deutschland, die auf freiwilliger Basis
erfolgen sollte. Bis Jahresende hatte sich die deutsch- und ladinischsprachige
Bevölkerung zwischen der Beibehaltung der italienischen und der Annahme
der deutschen Staatsbürgerschaft zu entscheiden. Im Land tobte eine heftige
Auseinandersetzung zwischen Gegnern und Befürwortern der Umsiedlung,
die auch über den 31. Dezember 1939 hinausging und tiefe Wunden in die
Südtiroler Gesellschaft riss. Die Umsiedlung wurde vom Völkischen Kampf-
ring Südtirols propagiert, der Organisation der Südtiroler Nationalsozialis-
ten. Das Endergebnis von ca. 86 Prozent für die Option interpretierten sie
als Plebiszit für Deutschland. Etwa ein Drittel der Optanten, das waren ca.
3 Zit. nach Steininger, Los von Rom 138.
4 Das Pariser Abkommen erlangte erst durch die Unterzeichnung des italienischen Frie-
densvertrags am 10. Februar 1947 Rechtswirksamkeit.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918