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Stefan Lechner
eingebürgerten Optanten als deutsche Staatsbürger, sondern sogar jene, die
einfach nur ihre Optionserklärung abgegeben hatten. In juristischer Hinsicht
war dies mehr als fragwürdig.
Vor dem Hintergrund des Potsdamer Abkommens vom Sommer 1945,
das die Vertreibung Millionen Deutscher aus Osteuropa sanktionierte, war
die Klassifizierung der großen Mehrheit der Südtiroler als Nazis und deut-
sche Staatsbürger ein starker Trumpf, den De Gasperi gekonnt ausspielte. Die
Optionsvereinbarungen von 1939 erachtete er als nach wie vor gültig und er-
klärte gegenüber den Alliierten, Italien hätte im Grunde alles Recht der Welt,
die Südtiroler Nazi-Optanten auszuweisen7.
Die Gleichung „Optanten sind Nazis“ rechnete er den Alliierten im-
mer wieder vor8, doch ließen sich die amerikanische und britische Außen-
politik davon kaum beeindrucken9. Eine Ausweisung der Optanten lehnten
die Alliierten strikt ab, was sie De Gasperi unmissverständlich wissen ließen.
Eine Notwendigkeit verpackte De Gasperi nun in eine großzügige Geste Itali-
ens, indem er erklärte, aus humanitären Gründen werde eine Fortsetzung der
Umsiedlung unterlassen und hingegen eine Lösung des Staatsbürgerschafts-
problems angestrebt10. Gegen Jahresende 1945 legte die italienische Regie-
rung dann einen ersten Gesetzentwurf zur Regelung der Staatsbürgerschaft
der Optanten vor, der die einst von Deutschland eingebürgerten Optanten
vom Wiedererwerb der italienischen Staatsbürgerschaft und damit von einer
eventuellen Volksabstimmung in Südtirol ausgeschlossen hätte, zumal eine
solche zu diesem Zeitpunkt immer noch im Bereich des Möglichen war.
7 Mario Toscano, Storia diplomatica della questione dell’Alto Adige (Bari 1968) 274. Als
Österreich das Südtirolproblem 1959 erstmals vor die UNO brachte, wurde im italienischen
Außenministerium u.a. von Mario Toscano die Ausweisung der ehemaligen Optanten für
Deutschland als Gegenmaßnahme kurzzeitig angedacht, jedoch nie ernsthaft erwogen. Fe-
derico Scarano, La diplomazia italiana e il difficile rapporto con Bruno Kreisky sul problema
sudtirolese, in: Bruno Kreisky und die Südtirolfrage/Bruno Kreisky e la questione dell’Alto
Adige, hrsg. von Gustav Pfeifer, Maria Steiner (= Veröffentlichungen des Südtiroler Landes-
archivs, Sonderband 4, Bozen 2016) 55–86, hier: 64.
8 Spitz kommentierte Viktoria Stadlmayer De Gasperis Argument gegen eine Rückglie-
derung Südtirols an Österreich, bei den Südtirolern handle es sich um glühende Nazis, als
besonders „originell“. Viktoria Stadlmayer, Kein Kleingeld im Länderschacher. Südtirol,
Triest und Alcide Degasperi 1945/1946 (= Schlern-Schriften 320, Innsbruck 2002) 38.
9 Ebd. 40, 58.
10 Toscano, Storia diplomatica 274.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918