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Stefan Lechner
für unser völkisches und politisches Leben, für die Durchführung einer Autonomie
und kurz und gut in jeder Hinsicht die Voraussetzung für unsere zukünftige Existenz
bildet35.
Die erhoffte Rücksiedlung zehntausender Südtiroler wurde als über-
lebensnotwendig erachtet, zudem spitzte sich die Lage in Südtirol selbst
immer weiter zu. So konnten u.a. keine Wahlen abgehalten werden und die
Besetzung von Stellen im öffentlichen Dienst durch Optanten war praktisch
unmöglich36. Damit wurde Außenminister Gruber bei einer Besprechung im
Außenamt des Bundeskanzleramtes Anfang März 1947 offen konfrontiert37.
Der SVP-Vertreter Karl Tinzl machte den Vorschlag, Gruber solle an Rom eine
Note richten, mit der Anregung, mit den im Pariser Abkommen vorgeschla-
genen Konsultationen zu beginnen. Einen Textvorschlag hatte er gleich mit-
gebracht38.
Tinzl machte Gruber auch darauf aufmerksam, dass Rom selbst über
die Situation in der Provinz Bozen besorgt und deshalb verhandlungsbereit
sei39. Tatsächlich hatte Präfekt Innocenti gegenüber De Gasperi bereits An-
fang Oktober 1946 auf die Notwenigkeit einer schnellstmöglichen Revision
der Optionen hingewiesen, da das Problem das ökonomische, soziale und
politische Leben in der Provinz auf Schritt und Tritt behindere40.
Außenminister Gruber blieb aber hart und blockte das Anliegen der SVP mit
zwei Argumenten ab: Erstens sei der italienische Friedensvertrag, in den das
35 Südtirol im Jahre 1947. Eine Zusammenstellung der „Südtiroler Monatsberichte“ vom
Jänner bis Dezember 1947, hrsg. von der Gesellschaft der Freunde Südtirols (Innsbruck 1948)
31, in: Unterlagensammlung der Tiroler Landesregierung Nr. 17. Erich Amonn/Otto von
Guggenberg an Alcide De Gasperi, Bozen, 18. 2. 1947, in: Gehler, Akten zur Südtirol-Politik
2, Dok. 6, 66; Erich Kneußl an Leopold Figl, Innsbruck, 18. 2. 1947, in: Ebd., Dok. 8, 68.
36 Besprechung im Bundeskanzleramt, Außenamt, Wien, 5. 3. 1947, in: Steininger, Süd-
tirol im 20. Jahrhundert. Dokumente, Dok. 32, 101.
37 An der Besprechung nahm u.a. für den Gesamtverband der Südtiroler in Österreich
Franz Schönfelder teil, ein Informant des italienischen Konsulats in Innsbruck. Auf eine
entsprechende Anspielung Grubers meinte er, auf die Umsiedler dürfe kein Druck zur Rück-
kehr nach Südtirol ausgeübt werden. Außenministerium, Aktennotiz, Rom, o.J. PCM, UZC,
Sez. III, b. 73, fasc. 564; Franz Schönfelder, Protokoll über die Besprechung betreffend Südti-
rol-Angelegenheiten am 5. 3. 1947, Innsbruck, 7. 3. 1947, in: Gehler, Akten zur Südtirol-Politik
2, Dok. 31, 108; Bericht des Bundeskanzleramtes, Außenamt, Außenstelle Innsbruck über die
Vorsprache bei Außenminister Gruber am 5. 3. 1947, in: Ebd., Dok. 32, 111.
38 Entwurf der SVP-Führung für eine Note Karl Grubers an Alcide De Gasperi, 1. 3. 1947,
in: Steininger, Südtirol im 20. Jahrhundert. Dokumente, Dok. 31.
39 Besprechung im Bundeskanzleramt, Außenamt, Wien, 5. 3. 1947, in: Ebd., Dok. 32, 101.
40 Innocenti an De Gasperi, Bozen, 5. 10. 1946, S. 3. PCM, UZC, Sez. III, b. 1.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918