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Peter Thaler
bestimmte Artikel 2, dass Deutschösterreich ein Bestandteil der Deutschen
Republik sei1.
Obwohl dieses nationale Selbstverständnis aus der Rückschau der ös-
terreichischen Republik des 21. Jahrhunderts schwer nachvollziehbar wurde,
entsprach es durchaus der historischen Ausgangslage. Alle bedeutsamen Be-
völkerungsgruppen der Monarchie, die sprachliche Bindungen über die ver-
schwindenden Reichsgrenzen hinweg hatten, wollten sich mit ihrer weiteren
Sprachgemeinschaft vereinen. Ein eigener galizischer oder siebenbürgischer
Staat wurde von den jeweils führenden Nationalitäten dieser Regionen kaum
in Erwägung gezogen, obwohl der hohe Anteil anderssprachiger Bevölke-
rungsgruppen es in diesen Fällen einleuchtender erscheinen hätte lassen als
im österreichischen. Das Verhalten der deutschsprachigen Österreicher war
mehr Regelfall als Ausnahme.
Es erwies sich bald, dass die Siegermächte des Weltkrieges nicht an
einer Ausweitung des deutschen Hoheitsbereichs interessiert waren, auch
wenn dies dem Bevölkerungswunsch entsprechen sollte. Vor allem Frank-
reich lehnte dies ab und setzte sich damit auch gegen anfängliche Bedenken
im britischen Außenministerium durch2. Im Staatsvertrag von Saint-Ger-
main-en-Laye wurde Österreichs politische Selbständigkeit festgeschrieben
und der Oberaufsicht des Völkerbundes unterworfen, wodurch sie Ähnlich-
keiten mit dem Status der damals geschaffenen Freien Stadt Danzig aufwies,
sowie der Name des Staates als Republik Österreich bestimmt3.
Trotz dieser internationalen Vorgaben blieb die junge Republik um-
stritten. Einzelne Bundesländer versuchten noch durch eigene Volksabstim-
mungen einen regionalen Anschluss an die Weimarer Republik zu erreichen.
Dabei sprachen sich im Jahre 1921 bei einer Beteiligung von rund 90 % der
Abstimmungsberechtigten 98,6 % der Abstimmenden in Tirol für die Auf-
nahme von Anschlussverhandlungen mit dem Deutschen Reich aus; in Salz-
1 Gesetz vom 12. November 1918 über die Staats- und Regierungsform von Deutschös-
terreich, Staatsgesetzblatt für den Staat Deutschösterreich 1918, Stück 1, Nummer 5.
2 Siehe dazu F.L. Carsten, Die Erste Österreichische Republik im Spiegel zeitgenössi-
scher Quellen (Wien 1988) 15.
3 Siehe vor allem Major Peace Treaties of Modern History, 1648–1967, Bd. 3, hrsg. von
Fred Israel (New York 1967) 1567.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918