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Der Sonderfall: Südtirol und die Grenzen der österreichischen Nachkriegsnation
burg waren es bei einer Abstimmungsbeteiligung von rund 80 % 99,3 %4. Im
weit westlich gelegenen Vorarlberg wiederum hatten sich schon 1919 rund
80 % der Abstimmenden für Anschlussverhandlungen mit der Schweiz aus-
gesprochen, wobei die in diesem Bundesland etwas mehr ins Gewicht fallen-
de Opposition vornehmlich aus deutschnationalen Kreisen kam5. Auf alli-
ierten Druck hin wurden weitere Abstimmungen unterbunden.
Auch die politischen Parteien gaben die Hoffnung auf die zukünf-
tige Vereinigung mit der deutschen Republik nicht auf und verankerten
sie in ihren Parteiprogrammen. Etwas vieldeutiger formulierten noch die
Christlichsozialen: Insbesondere verlangt sie [die christlichsoziale Partei] auch die
Gleichberechtigung des deutschen Volkes in der europäischen Völkerfamilie und die
Ausgestaltung des Verhältnisses zum Deutschen Reich auf Grund des Selbstbestim-
mungsrechtes.6 Unmissverständlich waren dagegen die Sozialdemokraten:
Die Sozialdemokratie betrachtet den Anschluss Deutschösterreichs an das Deutsche
Reich als notwendigen Abschluß der nationalen Revolution von 1918. Sie erstrebt
mit friedlichen Mitteln den Anschluss an die Deutsche Republik, sowie als Ver-
treter des nationalliberalen Lagers die Großdeutschen: Der unverrückbare Leit-
stern unserer Außenpolitik ist der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich und
der Landbund: Der Zusammenschluß aller deutschen Stämme von Mitteleuropa zu
einem einheitlichen Volksstaate ist sein [des Landbunds] unverrückbares Ziel.7
Viele österreichische Vereine schlossen sich breiteren deutschen
Dachverbänden an und demonstrative Großveranstaltungen vereinten Chor-
mitglieder, katholische Aktivisten, Turner und Universitätslehrer aus dem
4 Die Zahlen für das Ergebnis der Volksabstimmungen stammen aus Lajos Kerekes, Von
St. Germain nach Genf: Österreich und seine Nachbarn 1918–1922, übersetzt von Johanna Till
(Wien 1979) 288, und Dirk Hänisch, Die österreichischen NSDAP-Wähler: Eine empirische
Analyse ihrer politischen Herkunft und ihres Sozialprofils (Wien 1998) 33 f.
5 Zur Entwicklung in Vorarlberg siehe Werner Dreier, Vorarlberg und die Anschlußfra-
ge, in: Tirol und der Anschluß, hrsg. von Thomas Albrich, Klaus Eisterer, Rolf Steininger
(Innsbruck 1988) 183–220.
6 Das Programm der Christlichsozialen Partei, 1926, in: Österreichische Parteiprogram-
me 1868–1966, hrsg. von Klaus Berchtold (München 1967) 374.
7 Siehe Das 'Linzer Programm' der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs,
1926, in: Österreichische Parteiprogramme 1868–1966, hrsg. von Klaus Berchtold (München
1967) 264; Das 'Salzburger Programm' der Großdeutschen Volkspartei, 1920, in: ebd. 446; und
Politische Leitsätze des Landbundes für Österreich, 1923, in: ebd. 483.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918