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Der Sonderfall: Südtirol und die Grenzen der österreichischen Nachkriegsnation
Diese Ergebnisse bestätigen die grundlegenden Veränderungen im österrei-
chischen Selbstverständnis nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Identifikation
mit einer eigenständigen österreichischen Nation etablierte sich in großen
Teilen der Bevölkerung, wenngleich es weiterhin eine Minderheit von rund
5-10 % der Bevölkerung gab, die diese Vorstellung ablehnte. Allerdings lässt
sich aus diesen Umfragen nicht ableiten, welche Vorstellungen sich mit die-
sem Nationsbild verbanden. Ein positives Verhältnis zum eigenen Staat, sei-
ner landschaftlichen Schönheit und seiner wirtschaftlichen und politischen
Stabilität ist aus vielen Untersuchungen ablesbar, die den Österreichern auch
weitaus höheren Stolz auf ihr Land attestieren als etwa den Bewohnern der
Bundesrepublik Deutschland25. Zugleich zeigten Umfrageergebnisse, dass
sich die von der Nachkriegspolitik als so zentraler Gesichtspunkt der Na-
tionsbildung gesehene Abgrenzung von allem Deutschen in der Bevölkerung
nicht gleichermaßen durchgesetzt hatte. So gaben die Österreicher in Umfra-
gen regelmäßig die Deutschen als die ihnen ähnlichsten Nachbarn an, deut-
lich vor Ungarn, Tschechen oder auch Schweizern26. In Beantwortung einer
Umfrage im Jahre 1994, zu welchen Nachbarregionen sie sich stark oder sehr
stark hingezogen fühlten, nannten 46 % der befragten Österreicher Bayern,
noch vor den 41 %, die Südtirol, und den 30 %, die die Schweiz anführten.
Nichtdeutschsprachigen Gebieten wie Ungarn oder Tschechien fühlten sich
nur 13 beziehungsweise 5 % der Befragten gleichermaßen eng verbunden27.
Auch eine eigenständige österreichische Nation schien in den Augen der Be-
völkerung also erhebliche Schnittstellen mit dem übrigen deutschsprachigen
Raum aufzuweisen.
25 Siehe etwa Identität und Nationalstolz der Österreicher, hrsg. von Max Haller (Wien
1996) 468.
26 Siehe etwa Nation und Nationalbewußtsein in Österreich, hrsg. von Albert Reiterer
(Wien 1988) 121 f.
27 Sozialwissenschaftliche Studiengesellschaft (SWS), FB 297 (1994).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918