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Peter Thaler
diese Menschen ja zum Arbeitseinsatz nach Ostpreußen abschieben31. Den
desolaten Kolonnen der ausgewiesenen deutschsprachigen Bevölkerung aus
der südmährischen Metropole Brünn verweigerte man überhaupt den Grenz-
übertritt, bis internationaler Druck ein Umdenken erwirkte32. Und in Bezug
auf die aus der kleinen deutschen Sprachinsel der Gottschee, nicht weit süd-
lich der Grenze in Slowenien, ausgewiesenen Altösterreicher warnte Honner:
Auch ein Entgegenkommen gegenüber den Gottscheer Deutschen würde uns bei Jugo-
slawien in Misskredit bringen. Der Zustrom dieser Leute wäre mit allen Mitteln ab-
zuhalten, indem wir sie als unerwünschte Ausländer betrachten und ihnen keinerlei
Hilfe gewähren.33 Alfred Missong schließlich konnte als Vordenker der Regie-
rungspartei ÖVP und Mitgestalter ihres Parteiprogramms im Rahmen seiner
25 Thesen über die österreichische Nation festlegen:
Das im Aufbau begriffene neue Europa hat die nationalstaatliche Formung
seiner Gliedgebilde zum Fundament. Jeder europäische Staat ist bemüht, alle
fremdnationalen Elemente (Minderheiten) nach Möglichkeit hundertprozen-
tig auszuscheiden. Ferner geht die Tendenz dahin, jeder numerisch einigerma-
ßen ins Gewicht fallenden Nation ihren eigenen, aber eben nur e i n e n und
nicht mehrere Staaten als Aktionsfeld zu sichern. Es wird daher in Zukunft
auch keine „Volksdeutschen“ mehr geben, sondern diese werden, soweit sie
nicht in Überseestaaten oder – als Volksösterreicher – in Österreich Aufnah-
me finden, dem zukünftigen deutschen Staat einverleibt werden.34
Da ihre deutschen Besatzungszonen schon mit Flüchtlingen überlastet wa-
ren, legten die Besatzungsmächte dieser Weiterverschiebung allerdings enge
Grenzen auf. Der österreichischen Regierung blieb deswegen nichts Anderes
übrig, als die unerwünschten Zuwanderer zumindest einstweilig im Lande
zu behalten. Vor allem kirchliche Kreise und das ab 1949 durch den Verband
der Unabhängigen sowie dessen Nachfolger FPÖ wieder parteipolitisch ver-
tretene nationalliberale Lager setzten sich auch bald für eine gesellschaftliche
31 Robert Knight, „Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen“ (Frankfurt 1988) 91, 95.
32 Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei, hrsg. vom
Bundesministerium für Vertriebene (Bonn 1957) 108.
33 Knight, Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen 96.
34 Alfred Missong, 25 Thesen zur österreichischen Nation, in: Österreichische Monats-
hefte 11 (1948) 486.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918