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Der Sonderfall: Südtirol und die Grenzen der österreichischen Nachkriegsnation
Eingliederung der Flüchtlinge ein, wie auch die Großparteien das darin lie-
gende Wählerpotential nicht auf Dauer ignorieren konnten35. Eine besondere
Verantwortung für diese Bevölkerungen lehnte die Regierung aber weiter-
hin ab und verwies auf das Potsdamer Abkommen, das eine Repatriierung
deutscher Minderheiten in verschiedenen osteuropäischen Ländern nach
Deutschland vorgesehen habe36. Mit Österreich hätten diese Bevölkerungen
jedenfalls nichts zu tun, weshalb deren Forderungen nach rechtlicher Besser-
stellung vom zuständigen Ministerialrat Alfons Just als Ausdruck von Un-
dankbarkeit zurückgewiesen wurden:
Als in den Jahren 1945 und 1946 die Volksdeutschen aus drei Himmelsrich-
tungen über unsere Grenzen flüchteten, bekamen wir oft genug von ihnen
zu hören, daß sie glücklich und zufrieden sein würden, wenn sie nur bei uns
bleiben könnten, gleichviel unter welchen Umständen. Das hat sich geändert.
Heute lesen wir in den volksdeutschen Zeitungen Vorwürfe, daß die Volks-
deutschen noch keine Vertretung in unserer Regierung und unseren Ämtern
haben, daß sie ihre ehemaligen Berufe nicht in Österreich weiter ausüben kön-
nen, daß Österreich nicht ihre Pensionen und Renten bezahlt, usw. Das ist
befremdlich. Es kann den Volksdeutschen nicht unbekannt sein, daß kein Land
der Welt, Deutschland ausgenommen, den DPs und Flüchtlingen, die zu ihm
gekommen sind, irgendeine Pension oder Rente bezahlt. Es kann ihnen nicht
unbekannt sein, daß sie ihre Zeugnisse, Diplome, usw. in jedem Land nostri-
fizieren lassen müssen, und daß die Ausübung akademischer Berufe in keinem
gestattet wird. Das alles wissen sie und dennoch machen sie Österreich aus
seiner Handlungsweise einen Vorwurf.37
Mit den Jahren zeigte sich, dass ein Teil dieser Flüchtlinge für immer in Ös-
terreich bleiben würde und sich auch nützlich in Gesellschaft und Wirtschaft
integrieren ließ. Von insgesamt rund 481.000 volksdeutschen Flüchtlingen
wurden rund 160.000 nach Deutschland überführt und rund 57.000 wander-
ten nach Übersee aus. Damit hielten sich 1958 noch etwa 264.000 Angehörige
35 Einen Einblick in die Haltungen der Parteien bietet die umfangreiche Sammlung von
Edwin Machunze, Vom Rechtlosen zum Gleichberechtigten: Die Flüchtlings- und Vertriebe-
nenfrage im Wiener Parlament, 4 Bände (Salzburg 1974–1978).
36 Sind eine Schande, in: Der Spiegel 2 (1951) 19 f.
37 Zitiert nach Brunhilde Scheuringer, Dreißig Jahre danach (Wien 1983) 255 f.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918