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Peter Thaler
dieser Bevölkerungsgruppe in Österreich auf, wovon 228.000 inzwischen ein-
gebürgert worden waren38. Dennoch wurden ihnen bei der Anerkennung von
Berufsausbildungen sowie von sozialen Ansprüchen noch lange Hindernisse
in den Weg gelegt. Eine kollektive Verantwortung für die deutschsprachigen
Flüchtlinge aus der ehemaligen Habsburgermonarchie, wie sie die Bundes-
republik Deutschland in ihrem Bereich übernahm, stand in Österreich nicht
auf der Tagesordnung.
3. Die Südtirolfrage in der österreichischen
Nationsbildung
Die innere Logik dieser Entwicklung hätte auch Bedeutung für das Verhältnis
Österreichs zu Südtirol gehabt. Wenn Österreich den deutschsprachigen Be-
völkerungen der ehemaligen Habsburgermonarchie gegenüber keine Schutz-
machtrolle mehr ausübte, musste dies nicht auch für Südtirol gelten? Diese
Schlussfolgerung wollte so gut wie niemand in der österreichischen politi-
schen Führung ziehen. Ganz im Gegenteil wurde die Forderung nach dem
Selbstbestimmungsrecht der Südtiroler und deren Rückkehr nach Österreich
schon 1945 zu einer wichtigen Zielsetzung der wiedererstandenen Repub-
lik. Als laut Moskauer Erklärung befreites Land machte man sich Hoffnun-
gen, gegenüber dem vor kurzem noch faschistischen Italien eine realistische
Chance auf Grenzrevision zu haben. Schon am 4. September 1945 forderte der
neue Tiroler Landeshauptmann Karl Gruber die Wiedervereinigung Nord-
und Südtirols, und Bundeskanzler Leopold Figl nannte Südtirols Rückkehr
im Dezember 1945 ein Gebet jedes Österreichers39.
Die Hoffnung auf die Rückgewinnung Südtirols erwies sich bald als trüge-
risch. Die westlichen Großmächte waren nicht bereit, für das in jeder Hin-
sicht unsichere Österreich das wichtige Italien vor den Kopf zu stoßen. Er-
reicht werden konnte das Pariser Abkommen des Jahres 1946, das neben der
Zusicherung kultureller Minderheitenrechte und alltäglicher Erleichterun-
gen eine regionale Autonomie in Aussicht stellte und zugleich Österreich
38 Ebd. 335.
39 Rolf Steininger, Los von Rom? Die Südtirolfrage 1945/46 und das Gruber-De Gaspe-
ri-Abkommen (Innsbruck 1987) 27, 36.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918