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Die schwierige Versöhnung - Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
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355 Der Sonderfall: Südtirol und die Grenzen der österreichischen Nachkriegsnation zum Vertragspartner in der Südtirolfrage machte40. Die österreichischen Re- gierungen beriefen sich später auch regelmäßig auf das Pariser Abkommen, wenn Italien Südtirol als rein italienische Angelegenheit bezeichnete. Auf welcher theoretischen Grundlage sollte Österreichs Engagement in Südtirol aber beruhen, und was bedeutete diese für das neue Selbstver- ständnis des österreichischen Staates? Ein möglicher Zugang war die Propa- gierung einer österreichischen Ethnonation und ihre Übertragung auf aus- gewählte Bevölkerungen außerhalb des Landes. Schon in seiner Begründung zur Abschiebung deutschsprachiger Flüchtlinge aus ehemaligen Habsbur- gerländern hatte Alfred Missong eine Trennlinie zwischen „Volksdeutschen“ und „Volksösterreichern“ gezogen, wobei Letztere in Österreich verbleiben können sollten41. Auch von anderer Seite wurden solche Unterscheidungen vorgenommen und bezüglich einzelner Gruppen, wie den Flüchtlingen aus früher zu Niederösterreich gehörenden Gebieten der Tschechoslowakei, durch erleichterten Zugang zur österreichischen Staatsbürgerschaft umge- setzt42. Auf breiterer Ebene war eine Differenzierung der deutschsprachigen Flüchtlinge aber weder durchführbar noch wirklich gewünscht43. In den 1950er Jahren zeigte sich ganz allgemein, dass eine ethnona- tionale Ausformung der gesellschaftlichen Akzeptanz des neuen österrei- chischen Nationalgedankens abträglich war. Während die früher so groß- deutsch ausgerichtete Sozialdemokratie langsam auf den Gedanken einer österreichischen Vernunftsnation einschwenkte, blieben die großangelegten Konzeptionen eines barock-katholischen und seit Jahrhunderten durch Habs- burgtreue vom übrigen deutschen Sprachraum getrennten Österreichs für sie unannehmbar. Selbst innerhalb der Österreichischen Volkspartei gewan- nen die Pragmatiker die Oberhand über die nationalen Aktivisten. Tragen- de Plattform der Selbständigkeit wurde die österreichische Staatsnation, die kulturelle und historische Bindungen zum übrigen deutschen Sprachraum 40 Zur Südtirolpolitik der frühen Nachkriegszeit und zum Pariser Abkommen siehe: Ebd. 41 Alfred Missong, 25 Thesen zur österreichischen Nation, in: Österreichische Monats- hefte 11 (1948) 486. 42 Eduard Stanek, Verfolgt, verjagt, vertrieben: Flüchtlinge in Österreich von 1945–1984 (Wien 1985) 24. 43 Dies ist auch an der oben zitierten Aussage Staatssekretär Honners zu den Gottscheern abzulesen, die nach Missongs Terminologie als „Volksösterreicher“ aufzufassen gewesen wären.
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Die schwierige Versöhnung Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Titel
Die schwierige Versöhnung
Untertitel
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Autoren
Andrea Di Michele
Andreas Gottsmann
Luciano Monzali
Herausgeber
Karlo Ruzicic-Kessler
Verlag
Bozen-Bolzano University Press
Ort
Bozen
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-SA 4.0
ISBN
978-88-6046-173-5
Abmessungen
16.0 x 23.0 cm
Seiten
616
Schlagwörter
20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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