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Der Sonderfall: Südtirol und die Grenzen der österreichischen Nachkriegsnation
zum Vertragspartner in der Südtirolfrage machte40. Die österreichischen Re-
gierungen beriefen sich später auch regelmäßig auf das Pariser Abkommen,
wenn Italien Südtirol als rein italienische Angelegenheit bezeichnete.
Auf welcher theoretischen Grundlage sollte Österreichs Engagement
in Südtirol aber beruhen, und was bedeutete diese für das neue Selbstver-
ständnis des österreichischen Staates? Ein möglicher Zugang war die Propa-
gierung einer österreichischen Ethnonation und ihre Übertragung auf aus-
gewählte Bevölkerungen außerhalb des Landes. Schon in seiner Begründung
zur Abschiebung deutschsprachiger Flüchtlinge aus ehemaligen Habsbur-
gerländern hatte Alfred Missong eine Trennlinie zwischen „Volksdeutschen“
und „Volksösterreichern“ gezogen, wobei Letztere in Österreich verbleiben
können sollten41. Auch von anderer Seite wurden solche Unterscheidungen
vorgenommen und bezüglich einzelner Gruppen, wie den Flüchtlingen aus
früher zu Niederösterreich gehörenden Gebieten der Tschechoslowakei,
durch erleichterten Zugang zur österreichischen Staatsbürgerschaft umge-
setzt42. Auf breiterer Ebene war eine Differenzierung der deutschsprachigen
Flüchtlinge aber weder durchführbar noch wirklich gewünscht43.
In den 1950er Jahren zeigte sich ganz allgemein, dass eine ethnona-
tionale Ausformung der gesellschaftlichen Akzeptanz des neuen österrei-
chischen Nationalgedankens abträglich war. Während die früher so groß-
deutsch ausgerichtete Sozialdemokratie langsam auf den Gedanken einer
österreichischen Vernunftsnation einschwenkte, blieben die großangelegten
Konzeptionen eines barock-katholischen und seit Jahrhunderten durch Habs-
burgtreue vom übrigen deutschen Sprachraum getrennten Österreichs für
sie unannehmbar. Selbst innerhalb der Österreichischen Volkspartei gewan-
nen die Pragmatiker die Oberhand über die nationalen Aktivisten. Tragen-
de Plattform der Selbständigkeit wurde die österreichische Staatsnation, die
kulturelle und historische Bindungen zum übrigen deutschen Sprachraum
40 Zur Südtirolpolitik der frühen Nachkriegszeit und zum Pariser Abkommen siehe: Ebd.
41 Alfred Missong, 25 Thesen zur österreichischen Nation, in: Österreichische Monats-
hefte 11 (1948) 486.
42 Eduard Stanek, Verfolgt, verjagt, vertrieben: Flüchtlinge in Österreich von 1945–1984
(Wien 1985) 24.
43 Dies ist auch an der oben zitierten Aussage Staatssekretär Honners zu den Gottscheern
abzulesen, die nach Missongs Terminologie als „Volksösterreicher“ aufzufassen gewesen
wären.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918