Seite - 356 - in Die schwierige Versöhnung - Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Bild der Seite - 356 -
Text der Seite - 356 -
356
Peter Thaler
durchaus einräumen konnte, aber die Zukunft in einem politischen und iden-
titätsmäßigen Eigenweg sah. Diese demokratische und seit dem Jahre 1955
auch wieder selbstbestimmte Staatsnation Österreich berief sich auf die Prä-
gungskraft staatlicher Institutionen und Erfahrungen. Sprache habe bloß ge-
ringe Bedeutung für das Selbstverständnis einer Bevölkerung. Dazu verwies
man auf die Vielsprachigkeit der Schweiz sowie die durch die gemeinsame
Sprache und zum Teil auch Geschichte keineswegs verminderte Nationsver-
schiedenheit von Großbritannien und den USA.
Diese Vorstellungen passten problemlos zur Abgrenzung von den
deutschsprachigen Flüchtlingen aus den Nachfolgestaaten. In Bezug auf
Südtirol allerdings warfen sie Fragen auf. Was gingen die durch innerstaat-
liche Gemeinsamkeiten geformte Staatsnation Österreich die Bewohner eines
Nachbarstaates an, die an diesen Institutionen und Erfahrungen ja keinen
Anteil hatten? Aus heutiger Sicht mag es erscheinen, als ob die Südtiroler
immer schon engere Bande zu den Bewohnern des heutigen Österreichs hat-
ten als die deutschsprachigen Bevölkerungen in anderen Nachfolgestaaten.
Zumindest für das ostösterreichische Kernland spiegelt dies aber nunmehri-
ge Verhältnisse zurück in die Vergangenheit. Südmähren etwa lag historisch
weit näher an Wien als die meisten österreichischen Bundesländer, nicht
nur geographisch, sondern auch sprachlich und migrationsmäßig. Es mag
dieses Faktum illustrieren, dass die beiden ersten Präsidenten Nachkriegs-
österreichs, die Sozialdemokraten Karl Renner und Adolf Schärf, aus süd-
mährischen Heimatorten nach Wien gezogen waren. Noch umfassender kam
die Bedeutung des breiteren böhmischen Raumes in der österreichischen
Verwaltungselite zum Vorschein. Von 304 Sektionschefs der österreichischen
Zwischenkriegsministerien waren 123 in Wien und Niederösterreich gebo-
ren, 79 in den böhmischen Ländern, und nur 53 in den restlichen österreichi-
schen Bundesländern; aus Salzburg oder Vorarlberg stammten jeweils nicht
mehr als 344. Die Verbindungen zwischen Wien und den böhmischen Län-
dern stellten die Verbindung zu Westösterreich im frühen 20. Jahrhundert
noch deutlich in den Schatten.
Wodurch unterschieden sich also die Südtiroler, für die sich Öster-
reich weiterhin zuständig betrachtete, von den Gottscheern oder Sudeten-
44 Siehe Gertrude Enderle-Burcel, Michaela Follner, Diener vieler Herren: Biographi-
sches Handbuch der Sektionschefs der Ersten Republik und des Jahres 1945 (Wien 1997) 510.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918