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Italien und die Südtirolfrage von De Gasperi bis Moro
langte die Abtretung der Kolonien und Frankreich geringe Anpassungen an
der westlichen Grenze: im Besonderen La Brigue und Tende, zwei winzige
Gemeinden mit nur 3.000 Einwohnern, die jedoch aus strategischer Sicht von
großer Bedeutung waren. Im Mai 1945 besetzte Frankreich auch das Aostatal.
Das französische Militär zeigte klar und deutlich seinen Willen, die Gemein-
den zu annektieren, auch wenn Außenminister Bidault anderer Meinung
war3. Mit Unterstützung der Alliierten forderte Griechenland die Inselgrup-
pe des Dodekanes. Außerdem hätte Italien Reparationszahlungen leisten und
eine starke Einschränkung der eigenen Streitkräfte akzeptieren müssen. Die
hochrangigen Vertreter Italiens bei den Siegermächten versendeten äußerst
beunruhigende Nachrichten. Bereits am 1. Juni 1945 teilte der italienische
Außenminister Alcide De Gasperi dem politischen Vertreter Frankreichs in
Italien, Maurice Couve du Murville, seinen Willen mit, alle sprachlichen Min-
derheiten mit einem gültigen Status auszustatten: nicht nur jene des Aosta-
tals, sondern auch die österreichischen Minderheiten in Südtirol sowie die
slawischen in Julisch-Venetien4. In der Unterhaltung brachte De Gasperi je-
doch vor allem seine Besorgnis über das Schicksal von Triest zum Ausdruck,
das damals von Titos Armee besetzt war, erst am 12. Juni 1945 von dieser
geräumt wurde und dem italienischen Volk besonders wichtig erschien. Auf
Druck der Amerikaner und Engländer zog die französische Regierung am 11.
Juni 1945 ihre Truppen aus dem Aostatal zurück5. General Charles de Gaulle,
französischer Ministerpräsident und Anführer der französischen Wider-
standsbewegung gegen die nationalsozialistische Besatzung, teilte Giuseppe
Saragat, dem politischen Vertreter Italiens in Frankreich, am 17. Juli mit, dass
Frankreich keinerlei Interesse daran hege, das Aostatal zu annektieren, man
jedoch La Brigue und Tende fordere6. Um sich den Siegermächten in einem
guten Licht zu präsentieren, verkündete der Ministerrat der italienischen
Regierung am 11. Juli 1945 die geplanten Maßnahmen, um den Interessen
der nicht italienischsprachigen Bevölkerungsgruppen im eigenen Land ent-
gegenzukommen. Dieser Ankündigung folgte eine Verpflichtung zur Auto-
nomie für das Aostatal. Wie Außenminister De Gasperi dem amerikanischen
3 DDI, X Serie, II, Doc. 227, 318–321.
4 Bernardini, L’Accordo De Gasperi-Gruber Doc. 2.
5 DDI, X Serie, II, Doc. 254, 349.
6 Ebd. Doc. 346, 465.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918