Seite - 371 - in Die schwierige Versöhnung - Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Bild der Seite - 371 -
Text der Seite - 371 -
371
Italien und die Südtirolfrage von De Gasperi bis Moro
rechnung mit Faschisten, Nazis oder schlichtweg mit persönlichen oder ideo-
logischen Feinden kam, wie das in Norditalien zu Kriegsende mehrfach ge-
schah21.
Der Großteil der Italiener in Südtirol hoffte, dass die Südtiroler, die für
Deutschland optiert hatten, ausgewiesen werden würden – auch die in der
Provinz stationierten italienischen Soldaten teilten diese Ansicht. Die Mehr-
heit der christdemokratischen, sozialistischen und kommunistischen Provin-
zialpolitiker versuchte dies jedoch zu verhindern22.
Am 8. Mai 1945 wurde in Bozen die Südtiroler Volkspartei (SVP) ge-
gründet, angeführt von Erich Amonn, der bis nach den Wahlen von 1948 im
Amt blieb, und von Josef Raffeiner, der bis 1947 das Amt des Generalsekre-
tärs bekleidete. Beide hatten sich 1939 für Italien entschieden. Dies taten sie
jedoch nur, um sich gegen den Nationalsozialismus aufzulehnen und nicht,
um ihre politische Zugehörigkeit zum italienischen Staat zu manifestieren.
Raffeiner wurde nach dem 8. September 1943 von den Nazis ins Lager Reiche-
nau deportiert23. Auch Hans Egarter, Leiter der Südtiroler Widerstandsbewe-
gung, dem „Andreas-Hofer-Bund“, zählte zu den Gründern der SVP, obwohl
er keine führende Rolle und schon bald eine kritische Haltung ihr gegen-
über einnahm. Eine äußerst bedeutende Persönlichkeit in der Partei und der
Politik Südtirols war Kanonikus Michael Gamper. Obwohl er nie Mitglied
der SVP war, wurde er zur Schlüsselfigur im Widerstand Südtirols gegen die
Zwangs-Italianisierung während der faschistischen Periode, er sprach sich
auch gegen die Option aus. Während der Besetzung durch die Nazis musste
er daher untertauchen und konnte erst im Oktober 1945 nach Bozen zurück-
kehren24. Er übernahm die Leitung des größten Südtiroler Verlags, der katho-
lischen „Athesia“, sowie der größten Zeitungen des Landes, den „Volksboten“
21 Zur „Abrechnung“ in Italien nach der Befreiung, siehe Hans Woller, Die Abrechnung
mit dem Faschismus in Italien 1943 bis 1948 (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte
38, München 1996), und in italienischer Fassung: Ders., I conti con il fascismo. L’epurazione
in Italia 1943–1948 (Bologna 1997). Über die Provinz Bozen siehe Andrea Di Michele, L’Alto
Adige e i problemi della „doppia“ epurazione, in: Mezzalira, Miori, Perez, Romeo, Dalla
liberazione alla ricostruzione.
22 De Napoli, Altoatesini 88.
23 Zu Raffeiner siehe Josef Raffeiner, Tagebücher 1945–1948, hrsg. von Wolfgang Raff-
einer (Bozen 1998).
24 Zu Gamper siehe Rolf Steininger, Josef Gelmi, Eva Pfanzelter, Federico Scarano, Ein
Leben für Südtirol: Kanonikus Michael Gamper und seine Zeit (Bozen 2017).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918