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Italien und die Südtirolfrage von De Gasperi bis Moro
Reut-Nicolussi schien über das Attentat erfreut und war angeblich auch Akti-
onen gegen lästige italienische Beamte nicht abgeneigt49. Zwischen April und
August 1946 kam es zu weiteren Anschlägen: am Bahnhof von Trient und
Bozen, zwei weitere auf Hochspannungsleitungen, einer beim „Denkmal des
italienischen Arbeiters“ in Atzwang (Campodazzo), wohingegen eine mit 12
Kilogramm Dynamit geladene Bombe vor der Präfektur von Bozen50 nicht ex-
plodierte. Laut Hans-Karl Peterlini besteht eine Verbindung zwischen diesen
Attentaten und den schlimmeren, die in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre
bis 1967 verübt wurden.
Eine mehrere Monate dauernde Unterschriftenaktion, bei der 158.628
Unterschriften von Südtirolern gesammelt wurden, gilt als die wichtigs-
te und spektakulärste Aktion zur Wiederangliederung Südtirols an Öster-
reich51. Die gesammelten Unterschriften wurden von Reut-Nicolussi am 22.
April 1946, am Ostermontag, Bundeskanzler Leopold Figl übergeben. 34.851
dieser Unterschriften stammten von Südtirolern, die sich nach der Option
noch in Österreich befanden. Rund 123.777 Unterschriften wurden in Süd-
tirol im Geheimen gesammelt und vom Briten Edgeworth Murray Leslie über
den Brenner gebracht, der damals Informant des amerikanischen Geheim-
dienstes OSS war und als Freund Südtirols galt52.
Am 1. Mai lehnte die Außenministerkonferenz die Wiederangliede-
rung Südtirols an Österreich ab. Dies löste bei den Südtirolern, wie Raffeiner
erinnert, große Bestürzung aus, sogar ein bewaffneter Aufstand wurde erwo-
gen. Volgger schlug hingegen vor, dass die gesamte Südtiroler Bevölkerung,
angeführt von Bischof Geisler, bis zur Salurner Klause marschieren und dort
in den Hungerstreik treten solle53. Raffeiner meinte allerdings, man müsse
sich nun auf die Rückkehr der Optanten und die Wiedererlangung ihrer itali-
enischen Staatsbürgerschaft konzentrieren, was den deutschsprachigen Süd-
49 Ebd. 228.
50 Peterlini, Feuernacht 23; Steurer, Südtirol 1943–1946, 80. Die Präfektur von Bozen
hatte sogar den Verdacht, dass es in Südtirol eine terroristische Bewegung gibt, auch wenn
dies vom Informationsbüro des Armeegeneralstabs dementiert wurde, siehe De Napoli, Al-
toatesini 135 f. 1947 kam es zu drei Bombenanschlägen. Für Peterlini waren die Attentäter
eine kleine militante Gruppe, die keine Unterstützung von der Bevölkerung bekam, die je-
doch über sehr gute politische Kontakte verfügte. Siehe Peterlini, Feuernacht 24.
51 Gehler, Verspielte Selbstbestimmung, Doc. 96, 271.
52 Zu Leslie siehe ebd. 38–51.
53 Raffeiner, Tagebücher 114.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918