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Italien und die Südtirolfrage von De Gasperi bis Moro
Italien eine Vereinbarung aushandeln, die den Weg für eine stabile freund-
schaftliche Beziehung und Zusammenarbeit58 ebnen sollte. De Gasperi war
damit einverstanden und ließ ihm ausrichten, dass er sich auf ein Treffen
freue und für eine Zollunion zwischen Österreich und Italien59 eintrete. Al-
lerdings konnte er kurzfristig nicht nach Wien kommen, weshalb nun der Di-
plomat Carandini – Botschafter in Großbritannien – die Verhandlungen mit
Gruber führte. Der von den Briten beeinflusste Carandini befürchtete, dass
auf der am 29. Juli 1946 beginnenden Pariser Friedenskonferenz die Entschei-
dungen des Außenministerrats noch geändert werden könnten60. Großbritan-
nien drängte auf ein direktes Abkommen zwischen Italien und Österreich,
sodass sie von den deutschsprachigen Historikern als die wahren Förderer
des Gruber-De Gasperi-Abkommens61 gesehen werden. Nach den gut doku-
mentierten Verhandlungen, die auf Grundlage der „Documenti Diplomatici
Italiani“62 rekonstruiert werden können, wurde am 5. September 1946 um 17
Uhr in der italienischen Botschaft in Paris von den zwei Außenministern das
sogenannte Gruber-De Gasperi-Abkommen unterzeichnet. Artikel 1 besagt:
Den deutschsprachigen Einwohnern der Provinz Bozen und der benachbar-
ten zweisprachigen Ortschaften der Provinz Trient wird volle Gleichberechtigung
mit den italienischsprachigen Einwohnern im Rahmen besonderer Maßnahmen zum
Schutze des Volkscharakters und der kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung
des deutschsprachigen Bevölkerungsteils zugesichert. [...]63. In Artikel 2 heißt es:
Der Bevölkerung der oben erwähnten Gebiete wird die Ausübung einer autonomen
regionalen Gesetzgebungs- und Vollzugsgewalt gewährt werden. Der Rahmen für die
Anwendung dieser Autonomiemaßnahmen wird in Beratung auch mit einheimischen
deutschsprachigen Repräsentanten festgelegt werden.64
Darüber hinaus verpflichtete sich die italienische Regierung durch das Ab-
kommen, den deutschen Optanten die italienische Staatsbürgerschaft erneut
58 DDI, X Serie, IV, Doc. 2 9.
59 Toscano, Storia diplomatica 351.
60 DDI, X Serie, V, Doc. 101, 120–121; Toscano, Storia diplomatica 325 ff.
61 Steininger, Los von Rom 176; Steurer, Südtirol 1943–1946, 97.
62 DDI, X Serie, IV, ad indicem; Toscano, Storia diplomatica 329–421; Steininger, Los von
Rom 110–149.
63 DDI, X Serie, IV, D. 258, 305. (Übers. d. Verf.)
64 DDI, X Serie, D. 258, 306. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918