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Italien und die Südtirolfrage von De Gasperi bis Moro
ten Giovanni Gronchi. Auch Außenminister Pella bestritt am 21. September
1959 vor der UNO die Vorwürfe des österreichischen Außenministers Bruno
Kreisky95.
Tatsächlich hielten sich christdemokratische Politiker wie Segni und
Scelba an das von De Gasperi vorgegebene Schema, den deutschsprachigen
Minderheiten zwar Konzessionen zu gewähren, Abspaltungstendenzen aber
zu unterbinden. Man hegte Bewunderung für den Antikommunismus und
den starken Glauben der Südtiroler, meinte aber, dass eine autonome Region
nur der erste Schritt zur Loslösung von Italien wäre. Außerdem verwehrte
man sich gegen Einmischungen aus Österreich.
Als Ministerpräsidenten versprachen Scelba, Segni und Fanfani, die
Forderungen der Südtiroler zu prüfen, tatsächlich wurde aber nichts unter-
nommen, um ihnen entgegenzukommen.
Im Februar 1958 begannen in Wien auf Wunsch Fanfanis schwierige
Verhandlungen mit Österreich, wobei ab 1959 Bruno Kreisky die österrei-
chische Außenpolitik führte. Sein Ziel war es, diese Frage vor die UNO zu
bringen. Die Lösung der Südtirolfrage stand im Mittelpunkt seiner Politik
und sollte das Österreichbewusstsein stärken96. Die vollständige Autonomie
Südtirols hielt er für unabdingbar, wobei er nicht davor zurückscheute, mit
Südtirol-Aktivisten wie Sepp Kerschbaumer, Joseph Fontana, Georg „Jörg“
Klotz, die mittels Attentaten für die Selbstbestimmung Südtirols kämpften,
in Kontakt zu treten. In seinen Memoiren schreibt Kreisky, dass er sie getrof-
fen hätte, um sie von den Gewalttaten97 abzubringen. Die heutige Geschichts-
schreibung geht jedoch davon aus, dass er die Attentate tolerierte, um da-
durch den Konflikt zu lösen98.
95 Siehe Scarano, La diplomazia italiana 63.
96 Bruno Kreisky, Im Strom der Politik. Erfahrungen eines Europäers (Berlin 1991) 148;
Peterlini, Feuernacht 65–68; Gehler, Österreichs Außenpolitik 310–311; Ders., Bruno Kreisky,
Italien und die Deutsche Frage, in: Gehler, Guiotto, Italien, Österreich und die Bundesrepu-
blik Deutschland in Europa 176–188; Elisabeth Röhrlich, Kreiskys Außenpolitik. Zwischen
österreichischer Identität und internationalem Programm (Göttingen 2009) 210–217.
97 Kreisky, Im Strom 158.
98 Peterlini, Feuernacht 66–69; Gehler, Bruno Kreisky; Ders., „Irgendwie dramatisie-
ren“. Südtirol als „Unruheherd“ und das „Problem Österreich“ – Kreiskys diplomatisch-poli-
tische Offensive im Jahr 1958, in: FF 44 (2008) 53; Röhrlich, Kreiskys Außenpolitik 210–217,
die auch die Meinungen anderer Historiker miteinander vergleicht. Sie glaubt an die These
von Kreisky. Siehe auch Christoph Franceschini, Bruno Kreisky und die Attentäter – Mythos
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918