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Federico Scarano
ter, nachdem die Strafe verbüßt war, behauptet, dass es ihren Taten und vor
allem der Feuernacht zu verdanken gewesen sei, dass sich die italienische
Regierung zu einem Entgegenkommen entschlossen habe. Auch Magnago
und Volgger bekräftigten viele Jahre später, dass sich Italien ohne die Attenta-
te nie zur Bildung der Neunzehnerkommission115 entschlossen hätte. Michael
Gehler und Rolf Steininger sind der gegenteiligen Auffassung, die Gegensät-
ze seien dadurch noch verschärft worden, die Anschläge hätten den Dialog
sabotiert, die Autonomie war nicht im Sinne der Terroristen116. Schon vor der
Feuernacht hatte Mario Scelba Vertretern der SVP einen Dialog angeboten,
um – unter Ausschluss Österreichs – über das Autonomiestatut zu sprechen.
Die SVP wollte damals nicht darauf eingehen, es wurde eine völlige Selbst-
bestimmung angepeilt. Für die Österreicher Franz Gschnitzer und Viktoria
Stadlmayer konnte diese Eigenständigkeit nur ohne Bomben erreicht werden
und auch Rolf Steininger schreibt, dass jede Möglichkeit, die Autonomie zu
erreichen, weggebombt wurde117. Rudolf Lill meint hingegen, dass die von
der Gruppe Kerschbaumers verübten Anschläge einen positiven Beitrag ge-
leistet hätten, im Gegensatz zu den späteren neonazistischen Anschlägen, die
auch Menschenleben forderten. Lill rechnete die Autonomie Magnago und
seiner SVP sowie der österreichischen Regierung, vor allem Kreisky, und den
italienischen Politikern Scelba, Moro und Saragat an118.
Tatsächlich war die italienische Regierung nach der Feuernacht im
Vorteil. Die SVP musste nicht nur auf die Selbstbestimmung verzichten, son-
dern auch auf die autonome Region Südtirol, wohingegen sich Österreich
nach 1961 nicht mehr an die UNO wandte. Scelbas Plan, Österreich von den
Verhandlungen auszuschließen, war nicht möglich, wenn man zu einer Kon-
fliktlösung gelangen wollte, wie Moro und Saragat richtigerweise feststell-
ten119. Die Südtirolfrage verschärfte sich weiter, als die Südtiroler die italieni-
schen Streitkräfte beschuldigten, die inhaftierten Attentäter der Feuernacht
115 Silvius Magnago, Das Vermächtnis, Bekentnisse einer politischen Legende, hrsg. von
Hans Karl Peterlini (Bozen 2007) 67 f., 71, 75; Volgger, Mit Südtirol 233 f.
116 Steininger, Südtirol zwischen Diplomatie und Terror II 559–562, 650–658; Ders., Die
Feuernacht 48–68; Leopold Steurer, Südtiroler Publikationen; Michael Gehler, „... dass
keine Menschenleben“, 223, 230–234, 244–248.
117 Steininger, Die Feuernacht 53–57.
118 Lill, Südtirol 305.
119 Siehe Scarano, Aldo Moro 520.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918