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Italien und die Südtirolfrage von De Gasperi bis Moro
grausam zu foltern. Am 4. August 1961 dementierte das italienische Innenmi-
nisterium die Anschuldigungen mit Nachdruck und bezeugte in einer Pres-
semitteilung, dass „diese Anschuldigungen der Misshandlung Propaganda
der kriminellen Attentäter seien, die darauf abzielen, die einstimmige Ver-
urteilung der Anschläge durch den Westen unwirksam zu machen.“120
Die Anschuldigungen wurden gravierender, als einige Monate später, am 22.
November 1961 und am 7. Januar 1962, zwei der Attentäter starben, die sich
zuvor über Foltermethoden beschwert hatten. Die Autopsien ergaben jedoch
keinen direkten Zusammenhang zwischen den Todesfällen und einer even-
tuellen Folter. Es wurden auch keine Spuren von Misshandlungen gefunden.
Dieses Ergebnis wurde auch vom Direktor des Instituts für Rechtsmedizin
der Universität Innsbruck, Franz Joseph Holzer121 und von Prof. Wolfgang La-
ves, dem Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Universität München,
bestätigt, die beide bei den Autopsien anwesend waren122.
Der Generalstaatsanwalt von Trient war mit seiner Bewertung vor-
sichtig, denn „auch wenn es möglicherweise zu unkorrekten Handlungen
vonseiten der Polizei kam, wollte und will man die angezeigten Handlungen
in ihrer Genauigkeit und Schwere absichtlich übertrieben betonen“123.
Im August 1963 kam es in Trient schließlich zum Prozess gegen 10
der 21 Carabinieri, die von den inhaftierten Attentätern der Folter beschul-
digt wurden. 8 von ihnen wurden freigesprochen. Nur zwei wurden leichter
Rechtsübertretungen schuldig gesprochen, aber amnestiert. Der Freispruch
führte zu großer Entrüstung und zu Protesten in Österreich, Südtirol und
bei der SVP124. Auch beim Prozess gegen die Südtiroler Attentäter , der mit
120 Scarano, La Commissione dei 19 253.
121 ASP 1959–1969, IV, Doc. 27 107 f.
122 Ebd., Doc. 28 113 f; Steininger, Südtirol zwischen Diplomatie und Terror II 644 ff.
123 Gianni Flamini, Brennero Connection. Alle radici del terrorismo italiano (Roma 2003) 77.
124 Für eine angemessene Beschreibung dieses schrecklichen, von Folter geprägten Ereig-
nisses siehe Scarano, Le origini della Commissione die 19; sowie Steininger, Südtirol zwi-
schen Diplomatie und Terror III 120–126; Ritschel, Diplomatie um Südtirol 205–208; Peter-
lini, Feuernacht. Dieses Werk beinhaltet auch viele Zeugenaussagen der Attentäter, die sich
als „Freiheitskämpfer“ definierten. Sie haben ihre Aussagen schriftlich festgehalten, um die
Opfer, die sie gebracht haben, hervorzuheben und ihre Taten zu rechtfertigen. Viele mach-
ten kein Geheimnis daraus, dass die Selbstbestimmung Südtirols ihr Ziel war, vor allem
die „Südtiroler Freiheit“, der Partei der Tochter von Georg Klotz. Der Österreicher Helmut
Golowitsch wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt. Er sammelte die Briefe der Gefangenen
und Berichte über angebliche Misshandlungen in seinem Werk: Für die Heimat kein Opfer
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918