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Federico Scarano
94 Angeklagten, davon 87 Südtiroler, 6 Österreicher und 1 Deutscher, vom 9.
Dezember 1963 bis zum 16. Juli 1964 stattfand, wurden keine harten Strafen
verhängt. Die Rechtsverletzung aus Artikel 241, der mit lebenslänglicher Frei-
heitsstrafe geahndet werden konnte, wurde nicht geltend gemacht. Ledig-
lich 22 Südtiroler mussten nach der Verurteilung ins Gefängnis, 46 wurden
freigesprochen. Die Hauptangeklagten, darunter auch die österreichischen
Drahtzieher, konnten sich der italienischen Justiz entziehen. Die ihnen von
den österreichischen Behörden entgegengebrachte Toleranz wurde zu einem
Streitpunkt zwischen Italien und Österreich. Zu einem Freispruch kam es
auch für den ehemaligen Generalsekretär der SVP, Hans Stanek, der im Juli
1961 inhaftiert worden war. Die höchsten Strafen mit einem Strafausmaß von
20 bis 25 Jahren Haft wurden in Abwesenheit verhängt, unter den Verurteil-
ten befand sich auch der Südtiroler Luis Amplatz. Kerschbaumer wurde zu
15 Jahren Haft verurteilt und starb nur ein Jahr später im Gefängnis infolge
eines Herzinfarkts. Rolf Steininger schreibt, dass die Mitte-Links-Regierung
Italiens, angeführt von Moro, dem Gericht vermittelte, dass sie an milden
Strafen interessiert sei, um die Spannungen nicht weiter zu verschärfen125.
Am 12. September 1964, Innenminister war Paolo Emilio Taviani, er-
eigneten sich in Südtirol einige schwerwiegende Vorfälle. Im Pustertal kam
es zu Anschlägen und einem Feuergefecht. Am 27. August wurden vier Cara-
binieri verletzt, am 3. September wurde einer getötet, weitere sechs wurden
zwischen 9. und 10. September verletzt, zwei davon schwer. Bei der Verfol-
gung der Gewalttäter starben zwei Soldaten: einer bei einem Autounfall, ein
anderer wurde irrtümlich von seinen Kameraden getötet126. In dieser extrem
angespannten Lage marschierte am 12. September 1964, wie die Zeitung „Do-
lomiten“ berichtete, eine Gruppe italienischer Soldaten in die kleine Ortschaft
Tesselberg ein, wo die Terroristengruppe „Pusterer Buben“ am 10. September
überrascht wurde. Sie schafften es jedoch, während eines Feuergefechts zu
zu Schwer. Folter – Tod – Erniedrigung: Südtirol 1961–1969 (Nürnberg 2012) aufzuzeigen. In
Italien behandelten das Thema Vittorio Lojacono, Alto Adige Südtirol, Dal pangermanesimo
al terrorismo (Milano 1968) 174 ff. und vor allem Flamini, Brennero Connection 71, 77 f., 84 f.,
mit Auszügen aus den Prozessakten. Für eine wissenschaftliche Beurteilung siehe Leopold
Steurer, Südtiroler Publikationen zu den Bombenjahren zwischen kritischer Analyse, Apo-
logie und Verharmlosung, in Politika 11 367–396.
125 Steininger, Südtirol zwischen Diplomatie und Terror III 169.
126 La Stampa (12.09.1964).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918